Die Bundeshauptstadt

Märchen aus Wien - Das Kreuz auf der Jägerwiese

Auf dem Boden des heutigen Unter-Sievering war vorzeiten ein großer Wald, und darin stand eine Jägerhütte. Einmal schickte der Jäger seinen Gehilfen auf den Anstand. Der Bursche ging zur Jägerwiese hinauf und stellte sich hinter einen Baum.

Spätabends kam eine Prozession des Weges. Es waren lauter weißgekleidete Frauen, aber eine von ihnen, die in der Mitte ging, war schwarz und trug in der linken Hand ein weißes Tüchlein. Alle hatten brennende Fackeln, nur die Frau, die in der Mitte schritt, hatte eine abgebrochene Kerze in der rechten Hand.

Als der Zug an dem Baum vorüber kam, hinter dem der Jäger stand, ging die schwarze Frau auf den Burschen zu und winkte ihn zu sich heran. Er ging mit ihr und den andern Frauen über Wiesen, Berge und Täler, und endlich kamen sie vor ein schönes Schloss. Das war ganz aus Kristall und hatte goldene Tore, die aber verschlossen waren. Jetzt trat die schwarze Frau aus der Reihe heraus und murmelte etwas, da sprang eine Tür auf und sie gingen beide hinein.

Der Bursche war vor Staunen ganz außer sich und brachte kein Wort hervor. Er stieg mit seiner Begleiterin über eine gläserne Treppe empor, und nun wies sie mit der Hand auf eine Tür. Darauf verschwand sie. Der Bursche öffnete die Tür, kam in eine Küche und wärmte sich am Feuer. Da der ganze Palast hell erleuchtet war, so wusste er nicht, ob es Tag oder Nacht sei.

Plötzlich ging eine Tür auf, und ein schwarzgekleidetes Männlein trat herein. Es trug einen Hut mit einer sehr breiten Krämpe, mit silbernen Borten rundherum und mit einer silbernen Quaste. Sein Höslein reichte ihm nur bis an die Knie. Die übrige Kleidung des Männleins bestand aus einem kurzen Wams, roten Strümpfen und Schuhen mit silbernen Schnallen.

Der Kleine sah dem Burschen ins Gesicht, machte eine seltsame Miene und ging wieder hinaus, ohne ein Wort zu reden. Dem Burschen wurde immer ängstlicher zumute. Er wollte ins Freie, fand aber keinen Ausweg. Plötzlich hörte er ein furchtbares Getöse, sodass das Schloss bis in die Grundmauern erzitterte.

Auf einmal stand die schwarze Frau wieder vor dem Jäger. Sie begehrte seine Jagdtasche und ging damit fort. Nun suchte der Bursche wieder voll Angst einen Ausweg. Plötzlich war er wieder ganz allein auf der Jägerwiese, das Schloss aber war verschwunden. Seine Jagdtasche lag neben ihm auf dem Boden. Er hob sie rasch auf und lief nach Hause.

Dort wunderten sich alle über seine Wiederkehr und fragten ihn, wo er denn das ganze Jahr gewesen sei. Sein Dienstherr hatte inzwischen einen andern Jagdgehilfen genommen, und deswegen gab der Bursche seine Jagdtasche zurück. Als sie aber der Herr öffnete, sah er, dass sie mit Goldstücken gefüllt war.

Nun musste der Bursche alles, was er erlebt hatte, erzählen. Darauf verlangte der Jäger, dass ihm der Bursche den Platz zeige, wo er der schwarzen Frau zuerst begegnet sei; sonst müsste er glauben, der Bursche habe das Gold auf unredliche Art erworben.

Als aber beide auf die Jägerwiese kamen, hob der Jäger schnell das Gewehr und wollte auf den Burschen abdrücken. Die Kugel drehte sich jedoch sogleich nach dem Schusse um und traf den Schützen selbst. Wegen dieser Begebenheit wurde damals, so heißt es, auf der Jägerwiese ein Kreuz errichtet.

Siehe auch Gasthaus zum Agnesbrünnl und Jägerwiese

Quelle: Die schönsten Sagen aus Wien, o. A., o. J., Seite 98., Bilder: www.nikles.net



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