Person - Michael Negerle
Michael Negerle, Bürger, Hausinhaber, Techniker und Kaufmann, * 1786, † 23.11.1859, zuletzt wohnhaft: 2., Leopoldstadt 315,
verheiratet mit Louise (Aloisia) Negerle, † 09.01.1871, 76 Jahre, zuletzt wohnhaft: 2., Negerlegasse 10.
Michael Negerle war ursprünglich Leutnant in einem Landwehr-Bataillon in seiner Heimatstadt Brünn und
war dann Techniker bei Flussregulierungen und im Eisenbahnbau.
Im Jahr 1820 war er Katastral-Inspektor in Österreichisch-Schlesien.
Schließlich verlegte er seinen Wohnsitz in die Leopoldstadt,
legte um 1841 eine Gasse an und erbaute hier das erste Haus
(1843 wurde die Gasse, die von der
Taborstraße bis zum 1840 erbauten Schoellerhof reichte,
zur Lilienbrunngasse verlängert).
Bei der Überschwemmung des
Donaukanals 1849 organisierte Negerle mit einer Pionier-Kompanie
die Beseitigung der Hindernisse im Fluss und verhinderte eine noch größere Überflutung.
Unterstützung fand er dabei beim Hausbesitzer Konrad Ley (Lei), dem späteren Bezirksvorsteher der Leopoldstadt.
Ehrungen:
Negerlegasse: Michael Negerle erbaute um 1841 das erste Haus in der Negelegasse, seit 1862 nach Michael Negerle benannt.
Wiener Theater-Zeitung (Bäuerles Theaterzeitung) vom 10.8.1844, Seite 3:
(Feierliche Grundsteinlegung einer neuen Straße in der
Leopoldstadt.) Am 31. Juli d. J., fand in der Leopoldstadt in der
Taborstraße in
dem noch nicht ganz vollendeten Eckhause der neueröffneten und neuerbauten Gasse, zwischen
den Häusern „zum schwarzen Adler" und „zum goldenen Hirschen," gegenüber der
Kirche der Barmherzigen Brüder, eine sehr erhebende Festlichkeit Statt. Es wurde der Grundstein
zu dieser schönen Gasse gelegt, und hierzu waren viele hohe und ausgezeichnete Personen
geladen, welche auch die Urkunde unterzeichneten. Nachdem dies vorüber war, begann die priesterliche
Einsegnung. Der Grundstein wurde versenkt, und der Herr Regierungsrath und Bürgermeister
that die ersten Schläge in dem Mauerwerke. Bei dieser Gelegenheit wurde
nachstehende Rede von dem hierzu ebenfalls geladenen Herausgeber dieser Blätter gehalten,
welche sammt der hier berührten Beschreibung die Feierlichkeit und ihre Veranlassung
umfaßt.
Rede. „Wir versammeln uns hier zu einer feierlichen Grundsteinlegung. Die Leopoldstadt
hat eine abermalige Zierde erhalten; mit einer ganz neuen Gasse ist sie bereichert
worden. - Zehn neue, geschmackvoll erbaute Häuser sind wie auf einen Zauberschlag aus
der Erde empor gestiegen; diese schöne Vorstadt hat neuerdings einen preiswürdigen Zuwachs
gewonnen, und wir stehen hier, um auf Stein- und Pergament auch noch der
Nachwelt zu verkünden, welchem glorreichen Zepter, welcher weisen Regierung, welchen
geistvollen Räthen, welchem biedern Bürger wir diesen Schmuck verdanken! - Die Eröffnung
einer neuen Straße ist so erhebend, wie die Geburt eines Kindes. Wir flehen
hiebei den Himmel um seinen Segen an, und verleihen der neuen Straße wie dem neugeborenen
Kinde einen Namen für sein ganzes Leben.
Wenn wir einen Blick auf all das Ersprießliche werfen, was seit den lezten Jahren
zur Verschönerung und Erweiterung Wiens geschehen, so können wir uns hiebei einer
freudigen Bewegung nicht erwehren; wir können nicht unterlassen, auf alle die trefflichen
Männer hinzublicen, die so liebevoll waren, ihre hohe Stellung auch zu dem schönen Zwecke
zu benützen, durch wesentliche Verbesserungen und Veränderungen unserer öffentlichen
Plätze, Straßen und Wohnhäuser, durch umsichtige Eintheilungen unserer neuesten Bauten,
durch Niederreißen und Demolirung lästiger, Räume verengender, geschmackloser
Steinmassen für den öffentlichen Verfehr, für die Gesundheit, für die Bequemlichkeit so
umsichtig zu sorgen. Unsern hochlöblichen und löblichen Behörden sei hierfür die dankbarste
Huldigung dargebracht, und heute auch dem wackeren Bürger Hrn.
Michael Negerle,
dessen Bauwerke uns hier versammeln, und dem diese neue Wohlthat für die Gemeinde Leopoldstadt
zuzuschreiben ist. Von Ihm stammt nicht nur die Verbindung mit mehreren, erst
unlängst entstandenen schönen Gassen dieses Viertels; er hat auch sein Vermögen, seine
Erfahrungen, seine Kenntnisse, seine Thätigkeit daran gewendet, diese schöne Gasse mit
Geschmack, Zweckmäßigkeit und Eleganz zu erbauen, und es sei mir deshalb vergönnt, die
Entstehungsgeschichte dieser neuen Straße, wie sie auf Pergament geschrieben, in den
Grundstein versenkt werden soll, hier mitzutheilen:"
Beschreibung über die Entstehung der neuen Gasse auf dem Haus-
und Gartengrunde vom Hause Nr. 315 in der
Taborstraße. - „Im Jahre 1841
hat die Frau v. Lilienbrunn die Idee gefaßt, durch ihr Haus Nr. 7 an der
Donau und
den daran stoßenden Garten eine Gasse zur Verbindung mit der Sperlgasse zu führen. Obwol
gegen diese Ausführung sich mancherlei Hindernisse ergaben, so wurden selbe doch glücklich beseitigt,
und es entstanden sonach auf dem Gartengrunde vom Hause Nr. 7 in dieser Gasse, welche
den Namen Lilienbrunngasse erhielt, zwölf neue, drei Stock hohe Häuser. Durch diese neue
Gasse ergab es sich sonach, daß von der kleinen Ankergasse, und zwar durch das alte Haus
Nr. 15, eine Verbindung mit der Lilienbrunngasse ebenfalls durch Eröffnung einer neuen Gasse
in Ausführung kam, welche den Namen Antonsgasse erhielt. Sowol der Bau der Häuser von
der Lilienbrunn-, als Antonsgasse hat im Jahre 1841 begonnen und ward im Jahre 1843 beendet.
Durch Eröffnung der Lilienbrunngasse bot sich für das Haus Nr. 315 in der
Taborstraße
die Gelegenheit dar, ebenfalls eine Gasse durch dieses Haus, von der
Taborstraße aus in die
Lilienbrunngasse einmündend, zu errichten, jedoch wollte sich der damalige Besitzer, Hr.
Wilhelm Löwenthal,
zu dieser Ausführung nicht entschließen, sondern verkaufte dieses Haus
Nr. 315 sammt Gartengrund im Spätjahre 1842 an den Brünner Bürger Hrn. Michael
Negerle um den Preis pr. 150,000 fl. C. M., welcher sodann von Brünn nach Wien übersiedelte,
hierauf das Bürgerrecht erlangte und im Jahre 1843 zu der allgemein erwünschten Ausführung
dieses Planes geschritten ist.
Es wurde sonach dem Michael Negerle auf sein Einschreiten, durch das Haus Nr. 315
und dessen Gartengrund eine Gasse in die Lilienbrunngasse einmündend zu eröffnen, mit hohem
Regierungsdecret vom 21. Juni 1843, Z. 33,102, die Bewilligung ertheilt, in dieser Gasse zehn
Häusser zu erbauen.
Durch diese ins Leben gerufene zweckmäßige Verbindung wurde auch ein weiterer Plan bei
dem Hause Nr. 4 des Hrn. Alexander Schöller, Großhändler, entworfen, in die neu
errichtete Gasse vom Hause Nr. 315 einzumünden, zu welchem Behufe Michael Negerle
dem Hrn. Alexander Schöller zwei Bauplätze verkaufte, um von dem Hause Nr. 4 an
der
Donau auch eine Verbindung mit den übrigen Gassen zu erlangen, daher durch diese gegenseitige
Verbindung auf diesem Punkte der Leopoldstadt im Zeitraume von vier Jahren eine wohlthätige
ganze Umwälzung entstanden ist.
Michael Negerle hat sonach den Bau seiner acht Häuser am 15. Mai 1843 begonnen
und im Jahre 1845 durch den bürgerl. Stadtbaumeister Bernard Kledus beendet.
Hr. Alexander Schöller hat den Bau seiner zwei Häuser im Jahre 1844 begonnuen
und vollendet.
(Schluß der Rede.) „So schreiten wir denn nun zu der erhebenden Feier: der
Grundsteinlegung. Gesegnet sei die neue Gasse, und Glück und Friede eröffne sich mit
ihr bis auf die spätesten Nachkommen. Wie Unterthanentreue, Vaterlandsliebe, und jedwede
Bürgertugend in unseren Herzen leben, so sollen auch die noch in fernsten Zeiten sich
gleicher Vorzüge erfreuen, und selbst auch in den spätesten, spätesten Tagen, wenn auch
diese Häuser durcch wieder neue ersetzt werden sollen, wenn Alles, was Menschenhände
hervorgebracht, der Vergänglichkeit zum Opfer gefallen, wenn unsere fernsten Nachkommen
diesen Grundstein wieder aufwühlen, wenn Alles verändert wird an dieser Stelle, soll nur
eine einzige Sache noch gerade so wieder bestehen, wie heute: die Liebe
zu Habsburgs hohem Sohne, und die Treue und Anhänglichkeit an seine
Behörden!"
Hierauf fand in dem großen Saale zum „Sperl" ein glänzend arrangirtes Gastmahl
Statt, zu welchem die Anwesenden sämmtlich geladen waren, und bei welchem
zuerst Sr. Majestät dem Kaiser und dem ganzen kais. Hause, allen höchsten und hohen Behörden,
dem Herrn Regierungsrath und Bürgermeister, endlich dem Gründer und Erbauer
der neuen Straße, Herrn Michael Negerle, als Festgeber, die freudigsten Toaste
dargebracht wurden.
Herr Negerle hat sich ein großes Verdienst um die Vorstadt Leopoldstadt erworben.
Seine neue Straße verdient nicht nur als Bereicherung dieses Viertels die gerechteste Anserkennung,
sondern es muß auch die Eleganz und Schönheit gelobt werden, welche die
ihm angehörigen prächtigen Häuser auszeichnen. Wenn längst er selbst nicht mehr ist, so
werden seinen Namen die dankbaren Nachkommen und spätern Bewohner der Leopoldstadt
nennen, denn was ein wackerer Mann Gemeinnütziges, Zweckmäßiges und Preiswürdiges
stiftet, das lebt für lange Zeiten und der Name eines solchen Mannes wird nie untergehen.
Der Wanderer vom 26.1.1849, Seite 3:
Hr. Negerle, ein Mann, allbekannt in Wien, weil
er die Leopoldstadt von einer Menge alter Barraken befreit,
und dafür schöne, stattliche Häuser aufgeführt hat (die herrliche
Negerlegasse dankt diesem wackeren Brünner Bürger ihr Entstehen),
hat die Leopoldstadt nun auch von dem gefahrvollen
Eisstoß befreit, und wir verkünden es laut mit Jubel,
dem Scharfsinn und der Energie dieses Mannes hat es
nächst Gott die Leopoldstadt zumeist zu danken, daß bereits
der
Donaukanal eisfrei ist und das Wasser in starkem Zuge
ungehindert Panonien zueilt. Nur an den Ufern sind noch mächtige
Schollen von Landeis sichtbar; der Strom aber bewegt
sich frei und unbehindert, völlig gefahrlos für Wien und die
Straßen sind wasserleer geworden. Nach Negerle's Projekt
sollte der Durchstich einer Sandbank bei Freudenau nächst
Simmering Wien von dem gefährlichen Eisstoß befreien. Anfangs
dieses Planes halber als Schwindler verlacht, ruhte der
brave Negerle doch nicht, sondern begab sich an der Spitze
einer Wasserbaukommission zu dem Herrn Zivil- und Militärgouverneur
FML. von Welden, von diesem die Bewilligung
zur Ausführung eines Vorhabens unter Mitwirkung von k. k.
Militärs nachzuholen. Und sein Wunsch ward erfüllt, und sein
Plan gelang von den Elementen unterstützt, denn der Sturmwind,
ein größerer Wühler noch, als seine Vorgänger im
Oktober 1848 half den Eisstoß davonjagen. Vorgestern Morgens
war Negerle mit seinem Durchstich der Sandbank zu
Ende gekommen, und am Abend desselben Tages noch athmeten
unsere armen Insulaner frei, denn auch die ihnen drohende
Donau war wieder frei geworden.
Wiener Zeitung vom 27.11.1859, Seite 11:
Herr Negerle Michael, Bürger und Hausinhaber,
74 Jahr, Leopoldstadt 315, Altersschwäche.
Wiener Zeitung vom 13.1.1871, Seite 12:
Negerle Aloisia, Hausbesitzerin, 76 J., Leopoldstadt,
Negerlegasse 10, allgem. Wassersucht.
Die Grabstelle befindet sich am
St. Marxer Friedhof (
Position 83a).
Quelle: Text: www.nikles.net, Bilder: Wiener Theater-Zeitung (Bäuerles Theaterzeitung) vom 10.8.1844, Seite 3,
Der Wanderer vom 26.1.1849, Seite 3,
Wiener Zeitung vom 27.11.1859, Seite 11,
Wiener Zeitung vom 13.1.1871, Seite 12.