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Die Bundeshauptstadt

Person - Emilie Raimund

Emilie Raimund, Schauspielerin, Mitglied einer Wandertruppe, * 1828 oder 1830, † 05.10.1874.

Emilie Raimund war die Tochter von Luise Gleich, * 06.01.1798, † 06.08.1855, einer Tochter des Rechnungsoffizials der k. k. Prov. Staatsbuchhaltung Josef Alois Gleich. Luise Gleich heiratete am 08.04.1820 den Schauspieler und Dramatiker Ferdinand Raimund in der Pfarrkirche St. Johann Nepomuk in der Wiener Leopoldstadt. Die Scheidung erfolgte bereits am 14.01.1822. Ferdinand Raimund bestritt aber, der Vater von Emilie Raimund zu sein.

Unfall in Weiz: In Weiz in der Steiermark, bei der Vorstellung "Nagerl und Handschuh" von Johann Nestroy, ereignete sich im September oder Oktober Jahre 1861 ein Unglück, bei dem Emilie Raimund schwere Verbrennungen erlitt.

Tagespost Graz vom 11.10.1861, Seite 4: „Nagerl und Handschuh“, die so oft mit Beifall gegebene Posse, ist vor ein paar Wochen im benachbarten Weiz zum Unglücksschauspiel für eine ehrliche und strebsame Schauspielerin geworden. Während des Aufzuges fing nämlich das Costume des Fräuleins Raimund Feuer, und trotz aller schnell angewandten Vorsichtsmaßregeln hat die Unglückliche bedeutende Brandwunden erhalten, an denen sie noch zur Stunde schwer darniederliegt. Zwar sind die Bürger von Weitz auf das Ehrenvollste bemüht, den Liebling des Sommertheaters zu unterstützen, doch ist bei der Langwierigkeit der Nachleiden die Lage der Schauspielerin um so bedenklicher, als Director Ottepp bereits nach Bruck gezogen und mit seiner Truppe ziemlich vollständig versorgt ist. Sind alle Bühnen so wohl versorgt?

Tagespost Graz vom 18.10.1861, Seite 8: Jene Schauspielerin, welche neulich in Weiz bei offener Scene beinahe verbrannt ist, und an ihren Brandwunden lebensgefährlich darnieder liegend im größten Elende zurückgelassen wurde, da die Truppe weiterzog, ist, wie uns erzählt wird, die eheliche Tochter des großen Volksdichters und Mimen Ferdinand Raimund, dessen Witwe vor mehreren Jahren [Luise Gleich, 1855] in Wien gleichfalls im Elende gestorben ist. Der damals noch lebende Bäuerle hat mit einigen Verehrern Raimunds ein dürftiges Leichenbegängniß im allgemeinen Krankenhause bestritten.

Wiener Zeitung vom 8.10.1874, Seite 18: Raimund Emilie, Schauspielerin, 44 J., Wohnort unbek., Mastdarmvereiterung.

Illustrirtes Wiener Extrablatt vom 9.10.1874, Seite 4: Die „Tochter“ Raimund's. Vorgestern brachten die hiesigen Blätter die Nachricht, daß die Schauspielerin Emilie Raimund, die Tochter des unvergeßlichen Raimund am 5. d. M. nach langem Siechthume im Rudolphsspitale auf der Landstraße verstorben sei. Daß sie in letzterer Zeit, von Schmiere zu Schmiere ziehend, in immer tieferes Elend versank und daß der nun endlich erfolgte „Tod in der That als eine „Erlösung von einem Leben voll Elend und Kümmerniß betrachtet werden mußte“, wie es in den bezüglichen Notizen hieß, das ist richtig und wahr, die Bestätigung einer traurigen Thatsache. Sie war eine arme bedauernswerthe Person, die, ohne den mindesten Beruf zur Kunst, sich dem Theater widmete und da ein elendes Dasein fristete. Nur der berühnte Name, den sie trug, war Ursache, daß sie nicht gar vielleicht schon längst dem Hungertode verfallen. Als die „Tochter Raimunds“ sich, ausgebend fand sie stets gute Herzen, die sich, des Vaters pietätvoll gedenkend, der Tochter erbarmten. Und Keiner von allen Denen, die über ihre Abkunft beser unterrichtet waren, rüttelte an dem Glauben; die Darstellung der Wahrheit wäre ja damals eine Grausamkeit gewesen, die Aermste war ja auf die Mildthätigkeit der Menschen angewiesen und diese hätten vielleicht die spärliche Gabe zurückgezogen in dem Augenblicke, als sie erfahren haben würden. Die welche an ihren Wohlthätigkeitssinn appellirt, sei gar nicht Die für welche sie sich ausgibt. Es mag wohl auch sein, daß Emilie Raimund durch die eigene Mutter über ihre Abkunft irregeführt wurde und daß sie wirklich Ferdinand Raimund für ihren Vater hielt - genug, die arme kranke Dulderin, die letzte Trägerin des berühmten Namens, ruht nun im Grabe. Die Enthüllung der Wahrheit kann ihr nicht mehr schaden, es soll daher mit derselben nicht zurückgehalten werden.

Wenn es in den erwähnten Zeitungsnotizen zum Schlusse heißt: „Gestern wurde nun das Lieblingskind des einst so hoch gefeierten Volksdichters und Schauspielers still in einem Armen-Schachtgrabe auf dem St. Marxer Friedhofe zur Ruhe bestattet“, so klingt dies recht rührend und poetisch, ist aber, „insoferne da von einem „Lieblingskinde Raimunds“ die Rede, total unwahr. Emilie Raimund war wohl die Tochter der Louise Raimund der Gattin des gefeierten Volksdichters, aber dieser war nicht der Vater des Kindes. Die Tochter des Rechnungsoffizials der niederösterreichischen Staatsbuchhaltung Josef Alois Gleich, der zugleich einer der fruchtbarsten Theaterdichter und (unter dem Pseudonym Ludwig della Rosa) Romanschriftsteller seiner Zeit war, widmete sich schon in ihrer frühesten Jugend der Bühne. Louise Gleich spielte damals ein Mädchen von fünfzehn Jahren, bereits im Jahre 1814 am Josefstädter-Theater in einer, von ihrem Vater verfaßten Zauberoper: „Prinzessin Eigensinn und König Bröselbart“.

Raimund, der damals auch bereits in der Josefstadt engagirt war – es war am Anfange seiner schauspielerischen Laufbahn, da er noch die fürchterlichen rothhaarigen Intriguants und Bösewichte spielte, lernte das hübsche Mädchen kennen und bald hatte sich - beim Theater geht ja das schnell – zwischen den Beiden ein förmliches „Verhältniß“ entsponnen.

Mit der Zeit lernte Raimund an seiner Angebeteten freilich allerhand Schattenseiten kennen, sie war leichtsinnig über alle Maßen und auch mit der Treue nahm sie's nicht sehr streng, aber dem Vater gegenüber fühlte sich der junge Schauspieler zu großem Danke verpflichtet, denn Gleich hatte gewissermaßen den „Komiker“ in Raimund entdeckt, ihm den „Adam Kratzerl“ in seiner Posse: „Die Musikanten vom Hohenmarkt“ geschrieben und ihn durch diese Rolle zum Liebling des Publikums gemacht. Ferdinand Raimund machte an seiner Louise immer trübere Erfahrungen, seine einstige Liebe zu ihr schlug in förmlichen Haß um; aber stets als Ehrenmann handelnd, löste er das dem Vater gegebene Wort ein und führte Louise, so entsetzliche Ueberwindung ihm dies auch kostete, dennoch zum Traualtar. Am achten April 1820 wurde das Brautpaar durch den Pfarrer Josef Gorbach in der Kirche zu St. Johann in der Praterstraße eingesegnet. Als Beistände fungirten hiebei für die Braut Fürst Khevenhiller-Metsch, für den Bräutigam der Theaterarzt Dr. Pfenningbauer.

Um des lieben „äußeren Anstandes“ halber, entschloß sich Raimund, der in Folge von sehr unliebsamen, nicht näher zu bezeichnenden Entdeckungen schon längst einen förmlichen Abscheu vor dem Mädchen bekommen hatte, ungefähr ein halbes Jahr mit einer „jungen Frau in gemeinschaftlichem Haushalte zu leben, nach dieser Zeit aber trennten sich die Beiden für immer von einander. Auf der Leopoldstädter Bühne spielten sie wohl noch unzählige Male mitsammen, aber im Leben herrschte keinerlei Gemeinsamkeit zwischen ihnen. Ferdinand Raimund verblieb in Wien, wo er als Schauspieler immer beliebter wurde, und sich dann auch als Bühnendichter die Gunst des Publikums im Sturme errang; seine Gattin hingegen verweilte nur bis zum Jahre 1826 in Wien, wo sie von der Leopoldstadt an die Wien und sodann in die Josefstadt kam, vom nächsten Jahre aber ging sie in die Provinz, war zuerst bei ansehnlichen Bühnen wie Pest und Lemberg engagirt, kehrte ein paar Mal auf kurze Zeit (1837 und 1844) nach Wien zurück und zog dann von Bühne zu Bühne, von Schmiere zu Schmiere, sich auf ihren Wanderzügen Jedem in die Arme werfend, der ihr just gefiel.

Als, die Frucht nun irgend eines dieser flüchtigen Liebesverhältnisse ist jene Arme zu betrachten, die vorgestern vom Rudolphsspitale aus, in einem Sarge des Josef von Arimathäa-Vereines auf den St. Marxer Gottesacker hinaus geschleppt wurde. Ein triftiger Beweis, daß dieselbe nicht die Tochter Ferdinand Raimunds war, ist wohl der, daß Letzterer sein ziemlich ansehnliches Vermögen seiner bewährten Freundin Antonie Wagner vermachte, während er in seiner leztwilligen Anordnung einer Tochter oder eines Kindes überhaupt nicht gedachte.

Schreiber dieser Zeilen hatte vor noch nicht langer Zeit den Taufschein der nun von ihren Leiden Erlösten in Händen, versäumte es aber damals leider, sich eine Abschrift zu nehmen; mit Bestimmtheit ist ihm jedoch erinnerlich, daß dieser Schein von der Pfarre irgend eines deutschen Städtchens, wo die Mutter wohl als Mitglied einer „fliegenden Truppe“ weilte, ausgestellt, und daß darin das Jahr 1826 oder 1828 als Geburtsjahr der Emilie Raimund angegeben war. Dieses Datum beweist wohl ebenfalls hinlänglich, daß Ferdinand Raimund unmöglich der Vater dieses Kindes gewesen sein konnte. Das „Komödiantenkind“ zog mit seiner Mutter, mit derselben Noth und Elend theilend, in der weiten Welt herum. Die Tochter mußte sich natürlich, sobald sie nur auf den Beinen stehen konnte, ebenfalls dem Theater widmen. Wenn es anging, waren Mutter und Tochter bei ein- und derselben Gesellschaft beisammen, mitunter trennte sie aber auch das Schicksal, um sie gelegentlich wieder zusammen zu führen.

m Jahre 1844 engagirte Direktor Carl die Witwe Raimund's, die einst beliebte Lokalsängerin, für seine vereinigten Bühnen in der Leopoldstadt und an der Wien und beschäftigte auch deren Tochter in kleinen Rollen – des stabile geregelte Verhältniß gefiel aber den an das Zigeunerleben Gewohnten nicht und sie zogen wieder hinaus und trieben sich bei elenden Schmieren herum. Es existirt wohl heute kein älterer Schauspieler, „der nicht einmal wenigstens während seiner Wanderjahre“ mit Raimunds Frau oder Tochter oder mit Beiden zusammen in irgend einem Neste engagirt gewesen wäre.

Im Sommer des Jahres 1855 kam Louise Raimund mit ihrer Tochter nach Wien. Sie logirten sich in einem kleinen Dachzimmer im Gasthofe „zur Weintraube“ auf der Wieden ein. Von Fünfkirchen kommend, wo die Theaterdirektion zu Grunde gegangen war, befanden sie sich in einem fürchterlichen Zustande. Zerrissen, zerfetzt, keinen guten Schuh an den Füßen, hungernd, vergebens nach einem Engagement ausschauend, befand sich die Witwe Raimund's auf dem Punkte - betteln zu müssen, da erbarmte sich ihrer der Tod und machte ihrem Leiden ein Ende. Louise Raimund starb, 56 Jahre alt, am 12. August 1855 im Wiedner Spital an der Cholera. Die Tochter blieb in Noth und Elend zurück. Adolf Bäuerle nahm sich der Armen an und veranstaltete zu ihren Gunsten eine Sammlung. Bezeichnend ist es, daß in dem bezüglichen, in der Nr. 196 der „Theater-Zeitung“ vom 26. August 1855 enthaltenen Aufrufe, der aus der Feder Bäuerle's stammte, der, doch die Verhältnisse genau kannte, auch mit keiner Silbe erwähnt wurde, daß Emilie Raimund die Tochter Ferdinand Raimund's sei. Im Gegentheile; die Aufschrift lautete ausdrücklich: „Die Tochter der Madame Raimund.“ und im Texte hieß es, die Bezeichnung „Vater“ ängstlich umgehend: „Es ergeht daher an alle Theaterfreunde, besonders „an jene, welche den Namen Raimund ehren, die Bitte, eine wohthätige Spende für das Geschöpf niederlegen zu wollen, welches seinen Namen führt.“

Im Laufe der Zeit wurde wiederholt für Emilie Raimund gesammelt. Zu Ende des Jahres 1872 übersendete ihr Schreiber dieser Zeilen sechzig Gulden, die von den für die Errichtung der Gedenktafel an Ferdinand Raimund's Geburtshaus (Mariahilferstraße Nr. 41) gesammelten Geldern erübrigt wurden. Damals war sie beim Theater in St. Pölten als Souffleuse engagirt. Vor ungefähr Jahresfrist verließ sie diesen Ort - man wußte nicht, wohin sie sich gewendet. Sie war nach Wien gewandert, um hier zu sterben. .... Ruhe ihrer Asche!

Die Grabstelle (Schachtgrab) befindet sich am St. Marxer Friedhof (Position XXIII).

Quelle: Text: www.nikles.net, Bilder: Tagespost Graz vom 11.10.1861, Seite 4, Tagespost Graz vom 18.10.1861, Seite 8, Wiener Zeitung vom 8.10.1874, Seite 18, Illustrirtes Wiener Extrablatt vom 9.10.1874, Seite 4.



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