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Die Bundeshauptstadt

Person - August Reisinger

August Reisinger, Tänzer der Hofoper und Hoftheaterpyrotechniker, † 23.05.1870, 18 Jahre, Bestattungsdatum: 25.5.1870, zuletzt wohnhaft: 1., Kärntner Straße.

Die Geliebte Reisinger's, Josefine Dock, war die Tochter eines Mechanikers, 4., Siebenbrunngasse Nr. 1, beschäftigt in der Gardarobe des Hofoperntheaters.

Fremden-Blatt vom 23.5.1870, Seite 3: Der Pyrotechniker August Reisinger versuchte sich gestern Morgens im Kinderpark durch einen Pistolenschuß zu entleiben. Die Kugel ging durch das Kinn und blieb im Kopfe stecken. Der Arme wurde in hoffnungslosem Zustande in das Rudolfsspital gebracht. Ueber das Motiv des Selbstmordversuches ist nichts bekannt.

Fremden-Blatt vom 24.5.1870, Seite 3 und 4: Ein Opfer der Duellsucht. Im gestrigen Abendblatte berichteten wir, daß der Pyrotechniker des Hofoperntheaters, Herr Reisinger, Sohn des Tanzmeisters, im Kinderparke in einer Blutlache liegend gefunden wurde, und der Augenschein konstatirte, daß sich der unglückliche junge Mann mit einem Pistollenschuße zu entleiben versucht hatte. Der lebensgefährlich Verwundete wurde in das Rudolssspital übertragen und dort fand man in seinen Kleidern vier Briefe. Die Briefe waren adressirt an die Behörde, an die Eltern, an die Geliebte Josefine Dock, an die Kollegen. In dem Briefe an die Behörde zeigt Reisinger an, daß er nicht ein Selbstmörder, sondern einem amerikanischen Duell zum Opfer gefallen sei. Er bitte daher, ihn nicht zu seziren. Die Gründe seiner That könne die Behörde aus einem Schriftstücke, das sich in der Operngarderobe des männlichen Balletkorps im Operntheater befinde, ersehen. Seiner Geliebten, Josefine D., im Bürgerspitale wohnhaft, vermache er sein Vermögen 120 fl. ö.W. Das erwähnte Schriftstück lautet nach der „Pr.": „Liebe Kollegen! „Ich kann von Euch nicht mündlich Abschied nehmen, weil es sonst Euch auffallen könnte; ich danke Euch in meinem Namen für alles Gute und so weiter. Wenn Ihr mir einen Gefallen thun wollt, so seid so gut und denkt nicht schlecht von mir. Der Schritt, den ich jetzt gemacht habe, führt zu einer weiten Reise in die Ewigkeit. Liebe Kollegen, urtheilt selbst, ihr würdet in meinem Falle ebenso gehandelt haben. Ich machte die Bekanntschaft eines Lieutenants, der auch Ritter des Maltheser-Ordens ist. Wir gerathen bei einer Zusammenkunft in Streit, wo er mich forderte auf Pistolen, ich nahm es an. Aber wie ich Tags darauf zu ihm kam, waren mehrere Offiziere bei ihm und schienen bereits auf mich zu warten. Wie ich nun zu ihm kam, fingen sie zu plaudern an in französischer Sprache. Auf einmal kam mein Maltheserritter von einer Seitenthür herein und sprach: Lieber Reisinger, ich kann mich mit Ihnen nicht duelliren, denn Sie sind zu jung, wenn Sie älter wären, mit Vergnügen. Ich konnte mich vor Wuth kaum fassen, denn er sagte es vor sämmtlichen Offizieren in handgreiflicher Ironie. Ich sagte ihm kurzweg ins Gesicht Folgendes: Sie sind ein feiger Schurke, der verdient, daß man ihn ohrfeige! Er lächelte und sagte: Bester, Sie haben mich noch nicht angehört, wenn Sie sich duelliren wollen, so gibt es ja eine Art, ohne sich vor der Welt bloszustellen. Das war für mich wieder eine Beleidigung und ich sprach zu ihm, er solle schnell machen, daß er mit seinem Gespräch fertig wird. Er sagte mir dann Folgendes: Bester, wir wollen uns auf eine neue Art duelliren. Jeder von uns Beiden zieht, so lange Keiner von uns stirbt, einen Handschuh auf der linken Hand an. Sobald einer den Andern ohne Handschuh auf der Gasse sieht, ist er dem Tode verfallen. Ich war der Unglückliche, welcher den Handschuh auszog. Also, wenn ich kein Schuft sein will, so muß ich mich erschießen: also ist es kein Selbstmord, sondern ein amerikanisches Duell. Ich würde nicht so dumm gewesen sein und den Handschuh auf der Gasse ausgezogen haben, wenn nicht mich wer darum öfter gebeten hätte, der ich, um ihr keine Bitte abzuschlagen, mein Leben wagte und selbes auch verlor. Also mußte ich das Schreckliche thun und mich erschießen, um nicht die Wiener Stadt mit einem Schuften mehr zu krönen. Urtheilt selbst und lebt wohl bis auf ein Wiedersehen. Euer Kollege August Reisinger. Ersuche diesen Brief vor der Augenscheinigung der Behörde nicht zu zerreißen. An meine Kollegen im Hofoperntheater, Garderobe 10. Reisinger, der gestern wieder ein wenig zu Bewußtsein kam und stammeln konnte, bestätigte seiner Mutter gegenüber die Angabe seines Briefes und bezeichnete als Denjenigen, der ihn in den Tod getrieben, den Kavallerie-Lieutenant Edmund Grafen Sarcilly v. Ernes. Derselbe war öfter in die Reisinger'sche Tanzschule gekommen, hatte dort in der Garderobe die Geliebte Reisingers gesehen und suchte sich dem Mädchen zu nähern. Dieses wies den jungen Mann zurück und es scheint, daß bei dieser Gelegenheit das erste Rencontre zwischen dem Lieutenant und Herrn Reisinger stattfand. Die Geliebte Reisingers, Josefine Dock, ist die Tochter eines Mechanikers, Siebenbrunngasse Nr. 1 wohnhaft, ein ehrbares, anständiges Mädchen, das den besten Leumund genießt. Von dem traurigen Vorfalle wurde sie noch nicht verständigt. Reisingers Angehörige und das Mädchen selbst, welche die Bedeutung des linken Handschuhes nicht kannten, hatten ihn wiederholt aufgefordert, den Handschuh abzulegen. Endlich gab er ihnen — wie er sagt — nach und bei seinem ersten Spazierganze traf er den Grafen. Ein Blick auf die linke Hand und Reisinger erbleichte. Der ehrliebende, aber, wie es scheint, etwas überspannte junge Mann gehorchte seiner Ueberzeugung, und hielt in der Nacht von Samstag auf Sonntag Wort. Keinesfalls scheint der junge Mann die Gesetze des amerikanischen Duells zu kennen, da diese jedem der Duellanten verbieten, sich über dasselbe, sei es mündlich oder schriftlich, zu äußern. Daß gegen den Grafen eine Untersuchung eingeleitet werden muß, wenn die Angaben Reisingers auf Wahrheit beruhen, ist selbstverständlich. Der Graf soll ein bekannter Duellant sein. Die Untersuchung wird darüber wohl Näheres ergeben.

Neue Freie Presse vom 25.5.1870, Seite 6: Lokalbericht. [Zum Selbstmorde des August Reisinger.] Wir haben schon im letzten Morgenblatte darauf hingewiesen, daß der Selbstmord des Pyrotechnikers August Reisinger wol andere Gründe hatte, als die Verpflichtung, sich durch ein eingegangenes amerikanisches Duell zu entleiben. Die Unwahrscheinlichkeit eines derartigen Motives bei einem jungen Manne, dessen Vorleben aus eine in Ehrensachen nicht so große Empfindlichkeit schließen ließ, hielt uns ab, den romanhaften Brief, in dem sich Reisinger als ein Opfer des amerikanischen Duells erklärt, wiederzugeben. Der Vertreter des angeblichen Gegners im Duelle, des Dragoner-Lieutenants Grafen Sarcilly d'Ernes, sendet uns ein Schreiben, das wir, obwol der Brief Reisinger's, in welchem der Graf angeklagt ist, in unserem Blatte keine Aufnahme fand, seinem wesentlichen Inhalte nach wiedergeben: „Herr Redacteur! Die hiesigen Tagesblätter veröffentlichen die Nachricht, daß August Reisinger einem amerikanischen Duelle zum Opfer fiel und daß Lieutenant Graf Sarcilly d'Ernes der moralische Urheber dieses traurigen Vorfalles sei. Die im Zuge befindlichen gerichtlichen Erhebungen werden wol bald den wahren Sachverhalt zur allgemeinen Kenntniß bringen und constatiren, daß die bisher in die Oeffentlichkeit gelangten Nachrichten, soweit sie Herrn Grafen Sarcilly d'Ernes betreffen, der Wahrheit vollends entgegen sind. Vorläufig habe ich Ihnen in Vertretung des Herrn Grafen auf Grund der mir von demselben gegebenen Erklärung mitzutheilen: 1. Es ist unwahr, daß Graf Sarcilly d'Ernes mit August Reisinger in Streit gerieth und ihn auf Pistolen forderte; 2. unwahr und erfunden, daß Reisinger zu Graf Sarcilly d'Ernes kam, daß mehrere Officiere ihn daselbst erwarteten; 3. unwahr, daß Graf Sarcilly vor den Officieren durch August Reisinger beschimpft wurde und 4. unwahr, daß von Seite des Grafen oder seiner Freunde dem August Reisinger ein amerikanisches Duell proponirt und von demselben acceptirt wurde" August Reisinger ist gestern Vormittags in Folge der Schußwunde, die er sich beigebracht, im Rudolphs-Spitale gestorben. Wie wir ferner erfahren, hat Graf Sarcilly d'Ernes sich heute dem Gerichte selbst gestellt.

Die Presse vom 26.5.1870, Seite 13: [Zum amerikanischen Duell.] Das Leichenbegängniß des im amerikanischen Duell gefallenen Tänzers August Reisinger fand heute Nachmittags statt. In der Capelle des Rudolph-Spitals fanden sich nebst den Angehörigen des Verstorbenen der Hofopernsänger Dr. Schmidt, der Balletmeister Telle, sowie viele Herren und Damen vom Ballet des Hofoperntheaters ein. Nach der Einsegnung wurde der mit Kränzen geschmückte Sarg auf einen Gala-Leichenwagen gehoben und auf den Friedhof zu St. Marx gefahren. Graf Sarcilly stellte bei seiner ersten Vernehmung entschieden in Abrede, daß er Reisinger zum Duell herausgefordert habe, er leugnete aber den Conflict nicht. Er stellte ihn jedoch anders dar, als ihn die Angehörigen Reisinger's schildern. Nach seiner Angabe habe Reisinger in der Tanzschule ihm wehren wollen, mit dem Mädchen zu tanzen, er, der Graf habe aber darauf verwiesen, daß die Gäste vor dem Sohne des Tanzmeisters Vorzug haben müssen. Von einer Zusammenkunft mit Reisinger in seiner Wohnung will Sarcilly beharrlich nichts wissen. Da nun Reisinger behauptete, daß mehrere Officiere bei dieser Zusammenkunft zugegen waren wäre es von Wichtigkeit zu erfahren, ob er auch Namen derselben genannt hat, da sich dadurch dieser Punkt am klarsten aufhellen ließe. — Herr Dr. Schierl theilt uns mit, daß die Nachricht Herr Graf Sarcilly habe sich dem Commissariat Landstraße selbst „gestellt" unwahr sei. Der Herr Dortor fügt ferner hinzu, daß er auf Ersuchen des Grafen gegen alle Blätter, welche gegen den Grafen falsche Beschuldigungen weiter verbreitet, die gerichtlichen Schritte einleiten werde. Wir müssen diese Schritte ruhig abwarten.

Vereinigte Laibacher Zeitung vom 28.5.1870, Seite 3: (Zum amerikanischen Duell in Wien.) August Reisinger ist Montag Vormittag seinen Wunden erlegen. Der enorme Blutverlust, den der junge Mann erlitten, kann als die Hauptursache angesehen werden, daß die ärztliche Kunst nicht im Stande war, ihn zu retten. Die Geliebte des jungen Reisinger war von der Todesnachricht so ergriffen, daß auch sie sich das Leben nehmen wollte. Sie durchschnitt sich den linken Arm, wurde jedoch noch rechtzeitig bemerkt, so daß die Blutung schleunigst gestillt werden konnte. Graf Sarcilly hat sich beim Commissariat Landstraß gestellt.

Neues Fremden-Blatt vom 2.6.1870, Seite 12: Reisinger August, k. k. Hofoperntheaterpyrotechniker, 18 J., Kärntnerstraße im Bürgerspitale an schweren Verletzungen.

Die Grabstelle befindet sich am St. Marxer Friedhof (Position 128).

Quelle: Text: www.nikles.net, Bilder: Fremden-Blatt vom 23.5.1870, Seite 3, Fremden-Blatt vom 24.5.1870, Seite 3 und 4, Neue Freie Presse vom 25.5.1870, Seite 6, Die Presse vom 26.5.1870, Seite 13, Vereinigte Laibacher Zeitung vom 28.5.1870, Seite 3, Neues Fremden-Blatt vom 2.6.1870, Seite 12.



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