Heiligenstadt

19. Bezirk

Heiligenstadt war bis 1892 eine eigenständige Gemeinde und ist heute ein Stadtteil Wiens im 19. Wiener Gemeindebezirk Döbling.

Geographie: Heiligenstadt liegt auf einer Terrasse am Wiener Donaukanal und zieht sich in einem schmalen Streifen nordwestlich bis zum Leopoldsberg hinauf. Im Norden wird Heiligenstadt von Nußdorf, im Westen von Grinzing und im Süden von Unter- und Oberdöbling begrenzt. Die Probusgasse ist die ehemalige Dorfstraße und der heutige Kern von Heiligenstadt.

Geschichte: Der Name Heiligenstadt leitet sich vermutlich davon ab, das in diesem Gebiet bereits in heidnischer Zeit ein heiliger Ort lag. Erstmals erwähnt wurde der Ort 1120 jedoch als St. Michael. Erst Ende des 12. Jahrhunderts taucht der Zusatz Sanctum Locum (Heiligenstadt) in den Urkunden auf. Letztlich ist jedoch ungeklärt, worauf sich die bezeichnete heilige Stätte bezieht. Die These, dass der Heilige Severin von Noricum hier gelebt hat, wurde mittlerweile widerlegt.

Heiligenstadt bis zur Neuzeit: Heiligenstadt ist ein uraltes Siedlungsgebiet, das bereits vor 5000 Jahren besiedelt war. Auch die Römer hinterließen hier ihre Spuren. 1872 wurden im Bereich der Heiligenstädter Straße-Pokornygasse-Bauernfeldgasse Maurerreste gefunden, die einen Wehrturm des Limes in diesem Gebiet belegen. Daneben fand man bei Ausgrabungen in der Heiligenstädter Kirche einen römischen Friedhof und in der Nähe ein Awarengrab aus dem 6. Jahrhundert. Die Franken begannen schließlich um 900 mit der Besiedelung von Heiligenstadt. Der Ortskern gruppierte sich ursprünglich um den heutigen Pfarrplatz mit der ältesten Kirche dieses Gebietes. Die Bewohner waren wiederum Bauern, die im wesentlichen für den Eigenbedarf produzierten. Auch der Fang von Krebsen und Fischen im westlichsten Arm der Donau (heute Heiligenstädter Straße) spielte eine Rolle. Für den Verkauf wurde Wein angebaut. Bis heute liegen am Hügelabhang zur Heiligenstädter Straße die Kellereien der Weingroßhändler. Bereits 1250 besaß das Stift Klosterneuburg Weingärten in Heiligenstadt. Nach dem Tod des Pfarrers Heinrich übertrug Bischof Weinhardt von Passau 1304 dem Stift das Recht, die Pfarre Heiligenstadt in Besitz zu nehmen. Heiligenstadt war im Mittelalter einer der reicheren Orte in der Umgebung. Bereits 1318 ist eine Schule urkundlich erwähnt, wahrscheinlich die einzige weit und breit. Heiligenstadt litt jedoch wie viele Vororte von Wien stark unter den Verheerungen ab dem 15. Jahrhundert. 1484 plünderte Matthias Corvinus Heiligenstadt, 1529 beschädigten die Plünderungen der Türken im Zuge der Ersten Wiener Türkenbelagerung Jakobskirche und Michaelskirche schwer. Durch die Opferbereitschaft der Bewohner von Döbling, Grinzing, Nußdorf und Heiligenstadt (die alle noch zu dieser Pfarre gehörten) konnte jedoch die Michaelskirche bereits 1534 wiederhergestellt werden.

Heiligenstadt in der Neuzeit: Die Reformation spielte in Heiligenstadt nur eine untergeordnete Rolle, jedoch setzte die Zweite Wiener Türkenbelagerung dem Ort stark zu. 1683 wurden viele Bewohner niedergemetzelt, woran die Blutgasse erinnert. Die Verwüstungen waren so stark, dass der Ort einer Einöde glich. Die Wirtschaft erholte sich erst im 18. Jahrhundert, als die Viehwirtschaft und der Obstbau die Wiener Märkte eroberten. Zum Aufschwung des Ortes trug das Ende des 18. Jahrhunderts errichtete öffentliche Badehaus in Heiligenstadt bei, das eine heiße Quelle nutzte. Bis zu 300 Menschen täglich besuchten das Heilbad mit angeschlossenem Gasthaus. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versiegte jedoch die Quelle, anstelle des Bades wurde der Heiligenstädter Park errichtet. Im 19. Jahrhundert erlangte Heiligenstadt auch seinen Ruf als Sommerfrischeort, es siedelten sich dadurch auch in Heiligenstadt reiche Wiener Bürger an, und in der Sommermonaten wurde der Ort von Touristen frequentiert. Auch Ludwig van Beethoven lebte zeitweise in Heiligenstadt, hier schrieb er sein Heiligenstädter Testament.

1795 gab es 60 Häuser mit 470 Einwohnern, die in drei Gassen im Bereich Grinzinger Straße, Probusgasse, Hohe Warte und Armbrustergasse lebten. 1832 lebten bereits 677 Einwohner in 94 Häusern, 1870 waren es bereits 3.393 Menschen in 244 Häusern. Um 1890 siedelten sich zahlreiche Industriebetriebe an, während die Einwohnerzahl inzwischen auf 5.579 Menschen gestiegen war. Innerhalb von 60 Jahren hatte sich die Zahl der Häuser mehr als verdreifacht. Dem Bauboom fiel auch der Heiligenstädter Teich zum Opfer. Dieser 6.000 m² große Ziegelteich wurde von den Bewohnern als Badeteich genutzt, wurde aber wegen der starken Verschmutzung zum Problem. In den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde er zugeschüttet.

Heiligenstadt nach der Eingemeindung: 1892 wurde Heiligenstadt gemeinsam mit den benachbarten Wiener Vororten Sievering, Grinzing, Oberdöbling, Unterdöbling, Nußdorf und dem Kahlenbergerdorf zu Wien eingemeindet. Nach dem Ersten Weltkrieg begann die sozialdemokratische Stadtregierung auch in Heiligenstadt den sozialen Wohnbau zu forcieren, um die elenden Wohnverhältnisse der Arbeiter zu verbessern. Hierzu wurde auf einem Gelände, das bis ins 12. Jahrhundert ein schiffbarer Donauarm gewesen war und später von Gärtnereien genutzt wurde, der riesige Karl-Marx-Hof errichtet. Zwischen 1927 und 1930 wurde vom Otto Wagner-Schüler und Stadtbaumeister Karl Ehn die Anlage mit 1382 Wohnungen errichtet. Bekannt wurde der Karl-Marx-Hof kurze Zeit später auch durch den Februaraufstand, da sich in ihm zahlreiche aufständische Arbeiter verschanzten.