Josef Reichl (* 19. Juni 1860 in Güssing; † 9. Dezember 1924 in Wien)

Mit zahlreichen in der Werkausgabe nicht enthaltenen Gedichten ... (Vater Peter Reichl stammte aus St. Nikolaus)

Portrait Josef ReichlAuswanderermuseum und Josef Reichl BundGeburtshaus, nach neuesten Erkenntnissen das blaue Haus15 Soldaten aufgenommen am 23.3.1927, mit Josef Reichl

(1) "Da Waondra" - Josef Reichls Lebensweg
(2) Josef Reichls "Landflucht"
(3) Der erste "Josef Reichl-Bund" (1925-1939)

Als das "östliche Tor der Hienzei" wurde Güssing von einem im Jahr 1811 dort gastierenden Schauspieler - Karl Tanner nannte sich der junge Mann - bezeichnet. Den Ort selbst wusste er auf das anschaulichste zu beschreiben: "Denke Dir in einem von Wald und Rebhügeln umgrenzten Tale einen einzelnen Bergkegel und auf diesem das alte Schloß, freilich in Trümmern; nur die Kirche, der Rittersaal, und die Rüstkammer stehen noch. Am Fuße des Berges nordöstlich erhebt sich die neue Villa des Fürsten Battyany, nordwestlich die alte Villa, meistens die Residenz des großen Palatinus Ludwig Battyany, jetzt die Wohnung einiger Beamten. Weiter unten liegt dann das Städtchen mit Tor und Ringmauer, jedes Haus mit einem Gärtchen, ein großes Franziskanerkloster, gleichsam als Schlußstein, am östlichen Tore. Rings um den Berg herum breitet sich aber noch die Vorstadt aus. Das Ganze war vor Zeiten von einem riesigen Sumpfe umgeben; dieser, nunmehr trocken gelegt, ist jetzt üppiger Wiesengrund. Zwei hohe Dämme führen mitten hindurch auf die Landstraße."

Als hier ein halbes Jahrhundert später der Taglöhnerssohn Josef Reichl in ärmlichen Verhältnissen zur Welt kam, deutete nichts darauf hin, dass er sein Leben als allseits geehrter und vielgelesener Dichter beschließen würde. Freilich war es bis dahin ein weiter Weg: Auf Schule und Lehre folgten Jahre des Wanderns, die ihn durch "halb" Europa führten, ehe er nach Wien kam, wo er seine zweite Lebenshälfte verbrachte. Hier begann Reichl mit dem Schreiben, von hier aus setzte er sich auch vehement für die Abtretung seiner westungarischen Heimat an Österreich ein, und er wurde nicht zuletzt dadurch zu einer über Parteigrenzen hinweg angesehenen Persönlichkeit. Burgenland war 1924 noch ein neuer, künstlich geschaffener Begriff, und so lesen wir auf seiner Parte: "Sein Leben war nur seinem Volke, seinem Heinzenlande und seiner Familie gewidmet." Auch "Kürschners Deutscher Literatur-Kalender" nennt bis zu seinem Ableben "Güssing, Heinzenland" als seinen Geburtsort.

Etliche burgenländische Städte oder Gemeinden verfügen heute neben einer Liszt- oder einer Haydngasse auch über eine nach Josef Reichl benannte Gasse oder Straße. Doch viele, vor allem jüngere Burgenländer können mit seinem Namen nichts mehr anfangen. Es herrscht eine eigenartige Diskrepanz zwischen symbolischer Bedeutung und tatsächlicher Relevanz. Sein literarischer Nachlass wurde nicht rechtzeitig sichergestellt und gilt als verschollen. Weite Teile seines Lebensweges liegen im Dunkeln, vorhandene biographische Angaben sind oft schwer nachvollziehbar oder widersprüchlich. Der vorliegende Beitrag soll den Blick für die Unschärfen schärfen, die Unklarheiten klar ansprechen, und bisher nicht oder kaum beachtetes Material zu Leben und Werk des Dichters aufarbeiten. Die Arbeiten der drei wichtigsten Reichl-Biographen werden hier nur im engen Rahmen dieser Zielvorgabe berücksichtigt, daher sollen sie eingangs kurz kommentiert werden:

- Hans Levar: Seine 1930 erschienene Arbeit hat den Vorzug der Nähe zum Leben des Dichters. Auch stand er in Kontakt zu Reichls Sohn Kurt, was wohl erklärt, dass ihm unveröffentlichte Werke wie "Eines Volkes Recht" und "In Pedan Seppl sei Lebn" zur Verfügung standen. (Letzteres wird übrigens in Kürschners Literaturkalender der Jahre 1925 und 1926 mit der Jahreszahl 1924 unter den Werken Reichls angeführt.)

- Margit Pflagner: Ihr 1960 gedruckter Aufsatz bringt historische Hintergrundinformationen, wertet aber auch neue Quellen zu Reichls Lebensgeschichte aus: Insbesondere einen 1920 von Klothilde Benedikt veröffentlichten Artikel über ein Gespräch mit Reichl, sowie dessen 1914 in der Zeitschrift "Von der Heide" erschienene autobiographische Notizen. Margit Pflagner hat auch zahlreiche zeitgenössische Pressestimmen verarbeitet, Zeitzeugen befragt und mit der Schwiegertochter des Dichters korrespondiert.

- Franz Probst: Er versucht in erster Linie eine literaturgeschichtliche Einordnung Reichls. Zur Biographie findet sich kaum Neues, sieht man von Reichls autobiographischem Beitrag für ein 1923 erschienenes Lesebuch ab. Dieser basiert allerdings zum Großteil auf dem schon von Margit Pflagner ausgewerteten Beitrag für "Von der Heide".

(1) "Da Waondra" - Josef Reichls Lebensweg - "Vo´ oana Stodt za aondan" - Reichls Weg nach Wien

Josef Reichl hatte gerade eine Fahrt ins südliche Burgenland wegen Unwohlseins verschoben, als er am 9. Dezember 1924 eine andere - seine letzte - Reise antreten musste. Der "Pedan Seppl" war einen weiten Weg gegangen, seit er als Kind landloser Eltern am 19. Juni 1860 in Güssing geboren wurde. Dort wird heute das Haus Josef Reichl-Straße Nr. 6 (ehemals Güssing Nr. 56) durch eine Gedenktafel als sein Geburtshaus ausgewiesen, was aufgrund seiner Lage mit den meisten früheren diesbezüglichen Angaben kaum in Einklang zu bringen ist:

Reichl selbst schreibt 1923: "'Im Wold' hieß das kleine Bauernhäuschen bei Güssing [...] wo ich am 19. Juni 1860 [...] geboren wurde und die ersten sechs Jahre meines Lebens verbrachte." Die "Güssinger Zeitung" präzisiert in ihrem Nachruf, er sei "zu Güssing im Stoisitsem Hause nächst dem Ludwigshof" geboren worden. Die Südmark-Bundeszeitung schreibt im Jänner 1925, Reichl "verbrachte seine früheste Jugend zumeist im Walde", und nennt als Geburtsort eine "schon längst abgerissene Waldhütte bei Güssing"; Hans Levar 1930 eine "ärmliche, nunmehr längst abgerissene Waldhütte bei Krottendorf". Margit Pflagner schreibt 1960, dass "nach späteren Forschungen ein Haus in Güssing selbst angegeben wird, das heute auch eine Gedenktafel trägt." Welche bzw. wessen Forschungen das waren, wird leider nicht erwähnt. Ein von Reichl 1908 veröffentlichtes Gedicht soll in diesem Zusammenhang auch erwähnt werden, denn es trägt den Titel "Mei Häuserl ban Wold":

Grod wia a Häuferl Unglück,
Sogn d´ Leut, sao steht alloa,
Mei oltvatrisch, kloans Häuserl
Weit draußtn vo da Gmoa.
Dös steht durt sao ormseli
Ols schauert ´raus die Not - ,
Ols hätten drin oft z´ essen
D´ Leut nit an Bissen Brot.
Ols scheinat durch´d schmalen Fenster
D´ Sunn niamals freindli nei´ -
Ols hausert, mit oan Wort holt,
Durt ollwal ´s Unglück drei´.
I kann dos net begreifen
Wos d´ Leut im Dorf drin sogn,
I kunt mi in mein Häuserl
Ban Wold draußt, nia beklogn.
Denn schauts a aus wias irmste
Vo außen, in da Gmoa -
Sao is do drin wos Glück hoaßt
A Schloß dagegn viel z´ kloa.

Seit Levars Aufsatz galt Krottendorf als Geburtsort des Dichters, und so ist es auch noch im Österreichischen Biographischen Lexikon zu lesen. Margit Pflagner schrieb 1960 schon, dass "nach späteren Forschungen ein Haus in Güssing selbst angegeben wird, das heute auch eine Gedenktafel trägt." Welche bzw. wessen Forschungen das waren, blieb unklar, und deshalb erschien eine neuerliche Überprüfung des Sachverhalts angebracht. Für die unter diesem Aspekt erfolgte Durchsuchung der mikroverfilmten Zweitschriften der Güssinger Matriken bin ich Herrn Dr. Fritz Königshofer in Bethesda, Maryland, USA zu Dank verpflichtet. Es ergibt sich nunmehr das folgende Bild:

Josef Reichl wurde am 19. Juni 1860 im Haus Güssing Nr. 57 geboren, wo seine Familie durch Eintragungen in den Tauf- und Sterbebüchern zumindest von 1855 bis 1865 eindeutig nachweisbar ist. Die Taufe wurde von Pater Edmund Grafl zelebriert, Taufpaten waren Josef Lutterschmid und Apollonia Prensberger. Die Familie Reichl wohnte offensichtlich nicht alleine im Haus Nr. 57, denn zwischen 1852 und 1859 sind dort auch drei Geburten für das Ehepaar Josef Kranz und Josefa geb. Oswald verzeichnet. Die heutige Adresse dieses Hauses lautet Josef Reichl-Straße Nr. 4. Warum seinerzeit das Nachbarhaus (Nr. 6, bzw. 56) zum Geburtshaus des Dichters erklärt wurde, konnte nicht festgestellt werden. Man könnte sich auch fragen, ob der Mythos von der Geburt in einer "Waldhütte" nicht bewusst vom Dichter selbst genährt wurde. Möglicherweise wurde er dadurch zumindest für einen Teil seiner urbanen Leserschaft noch interessanter, weil "exotischer".

Zu korrigieren sind ferner einige Angaben von Hans Levar zur Familiengeschichte Reichls, die er unter Berufung auf Pater Gratian Leser macht. Dieser habe sich lange bemüht, die Genealogie der Familie Reichl genauer zu ergründen, jedoch nicht mehr als die Geburtsdaten der Brüder des Dichters finden können. - Schwer zu glauben, dass ein so akribischer und fachlich versierter Forscher, noch dazu in unmittelbarer Nähe der Quellen, an dieser Aufgabe gescheitert sein soll. - Levar schreibt jedenfalls über die Familie Josef Reichls: "Sein Vater hieß Peter Reichl, seine Mutter Anna Plank. Im Jahre 1855 segnete der Priester zu Güssing ihren ehelichen Bund, dem vier Söhne entsprossen. Der erste, Johann, wurde 1855 geboren, 1857 kam Josef (der ältere) zur Welt, der aber bald starb. Bei dem dritten Sohne, Aloisius, findet sich in den Taufmatrikeln der Vermerk: Pater arendator dominalis."

Nun ist nicht nur der besagte Vermerk - zumindest in den Matrikenduplikaten - nicht zu finden, sondern Alois war nicht der dritte, sondern der vierte Sohn des Ehepaares: Er wurde am 7. Juli 1864 in Güssing Nr. 57 geboren und starb ebendort am 24. Februar 1865. Während die Geburtseintragung den Beruf des Vaters nicht angibt, wird er in der Todeseintragung als "operarius" (Taglöhner) bezeichnet.

Die Heirat der Eltern Reichls konnte in den Güssinger Matriken nicht gefunden werden. Wann immer sie stattgefunden hat, es war jedenfalls nicht im von Levar angegebenen Jahr 1855, und Josef Reichl hatte nicht nur Brüder: Denn am Heiligen Abend des Jahres 1851 kam in Güssing Franziska Reichl als "primogenita" (Erstgeborene) von Peter Reichl und Anna Plank zur Welt. Hausnummern sind in den Güssinger Matriken erst ab Mai 1852 zu finden, daher fehlt bei ihr eine entsprechende Angabe. Die älteren Brüder des Dichters, Johann (geb. 28. Februar 1855) und Josef I (geb. 25. November 1857) wurden ebenso wie dieser selbst und sein schon erwähnter jüngerer Bruder Alois in Güssing Nr. 57 geboren. Josef I starb am 4. Juli 1859, als Todesursache wird "in aqua suffocatus" (im Wasser erstickt, d.h. ertrunken) angegeben.

Die Heirat der Eltern Reichls fand nicht im von Levar angegebenen Jahr 1855 statt, sondern bereits 1851, und Josef Reichl hatte nicht nur Brüder: Denn am Heiligen Abend des Jahres 1851 kam in Güssing Franziska Reichl als "primogenita" (Erstgeborene) von Peter Reichl und Anna Plank zur Welt. Hausnummern sind in den Güssinger Matriken erst ab Mai 1852 zu finden, daher fehlt bei ihr eine entsprechende Angabe. Die älteren Brüder des Dichters, Johann (geb. 28. Februar 1855) und Josef I (geb. 25. November 1857) wurden ebenso wie dieser selbst und sein schon erwähnter jüngerer Bruder Alois in Güssing Nr. 57 geboren. Josef I starb am 4. Juli 1859, als Todesursache wird "in aqua suffocatus" (im Wasser erstickt, d.h. ertrunken) angegeben.

Über die Herkunft der Eltern Josef Reichls geben die Matriken von Sankt Nikolaus bei Güssing Auskunft, die für den 3. März 1851 ihre Heirat verzeichnen: Raichl Péter, 30, zsellér (Keuschler), geboren in Sankt Nikolaus als Sohn des Raichl András und der Fürst Anna, ehelichte an diesem Tag die 24-jährige, aus Güssing gebürtige Plank Anna, Tochter von Plank Ferentz und Schmidt Borbála (Barbara). Braut und Bräutigam waren zum Zeitpunkt der Hochzeit in Güssing wohnhaft. Getraut wurden sie von Pater Pius Koller, und als Trauzeugen fungierten Jandresits Ferentz und Prasch [Prosch?] Antál.

Der Vater der Braut, Franz Plank, war zu dieser Zeit nicht mehr am Leben. Den Güssinger Matriken zufolge ist er als Birisch (Knecht) im Dienste der dortigen Herrschaft (urasági bzw. uradalni béres) bereits 1842 im Alter von nur 39 Jahren gestorben. Außer der Mutter des Dichters hatte er noch zumindest vier weitere Töchter, von den drei das Kindesalter nicht überlebten. Die vierte, Barbara, heiratete am 3. Mai 1863 den ebenfalls aus Güssing stammenden 25-jährigen Josef Gülli.

Josef Reichl schreibt, er habe seine ersten sechs Lebensjahre in seinem Geburtshaus verbracht, danach sei er mit seinen Eltern nach Neumarkt an der Raab gezogen, wo sein Vater eine Stelle als Birisch (Knecht) beim Grafen Batthyány erhalten hatte. Hans Levar fügt dem hinzu, dass die Familie vor der Übersiedlung nach Neumarkt für kurze Zeit in Langzeil gelebt hat. Den Volksschuljahren Reichls in Sankt Martin an der Raab folgte - die ersehnte höhere Bildung konnten ihm seine Eltern als "orme Birischleut" nicht finanzieren - eine Lehre beim Hutmachermeister Treiber in Sankt Gotthard. Den Abschied von den Eltern am 20. Mai 1875 muss Reichl als prägendes Erlebnis empfunden haben, denn neben seinem Geburtsdatum erwähnt er nur dieses Tagesdatum in seinen autobiographischen Notizen.

Vier Jahre, also bis 1879, dauerte die Lehrzeit. Levar zufolge hatte es Reichl bei seinem Lehrherrn nicht sehr gut, er soll ihm sogar einmal "davongelaufen" sein. Reichl selbst deutet derartige Unannehmlichkeiten nur an, indem er schreibt, er habe das Handwerk "unter allem Weinen und Lachen der Lehrbubenzeit" erlernt. Auch erweckt er den Anschein, als hätten seine Wanderjahre unmittelbar an die Lehre angeschlossen. Demgegenüber schreibt Levar, Reichl habe sein Handwerk eine Zeit lang ausgeübt und sei dann in den ungarischen Finanzdienst eingetreten: "Im Jahre 1886 aber begannen die Ungarn, das Land mit allen Mitteln zu magyarisieren. Unser Dichter mußte seine Stellung wegen mangelhafter Kenntnis der ungarischen Sprache aufgeben." Erst danach sei er auf die Walz gegangen. Wenn 1886 kein Druckfehler ist, so ist das nur schwer zu glauben, denn 1888 soll Reichl - ebenfalls laut Levar - ja schon in Wien gewesen sein, und Ambroschitz zufolge soll die Wanderschaft fast zehn Jahre gedauert haben. Über seine Wanderschaft schreibt Reichl: "Ich durchwanderte als Hutmachergehilfe eine weite Strecke, von vielen Arbeitsstationen und Herbergen unterbrochen, durch Ungarn und Österreich, durchs ganze große Deutsche Reich und kam bis ins Belgische hinüber, nach Brüssel." Levar ergänzt diese Aufzählung um "Frankreich bis Lille", und der Nachruf im "Freien Burgenländer" nennt Graz, Salzburg und Triest als Stationen innerhalb des damaligen Österreich. Reichls 1912 veröffentlichtes Gedicht "Da Waondra" ist wohl eine späte Reminiszenz an diese Zeit:

Vo´ oana Stodt za aondan,
Sao is mei Waondan, Waondan,
Mi´n leichtn Ranzal, leichta Gluft,
Da letzte Groschen is vapufft,
I le´ vo heunt af morgen,
An Teixl ghörn die Sorgen.
I le´ wia d´ Vögln in da Luft,
Und is a z´rissn d´ letzte Gluft,
Mi gfreut do´s Waondan, Waondan,
Vo´ oana Stodt za aondan!
Na moch oan oanzign Blick i z´ruck,
Sao gspür i glei an hortn Druck -
Do is ma holt ums Herz sao schwar,
Waons Ranzal a sinst leicht und laar,
Do is ma grod ba jiadn Schritt -
Ols trogat i mei Hoamat mit.


In Wien ging Reichls Wanderschaft zu Ende. Hier ließ er sich nieder, hier heiratete er, und hier schaffte er auch den beruflichen und sozialen Aufstieg. Sein allererster Meldezettel hat sich nicht erhalten, und so kann nicht eindeutig festgestellt werden, wann er hier angekommen ist. Levar zufolge ist Reichl erst nach dem Tod der Mutter von seiner Wanderschaft heimgekehrt und nach dem bald darauf erfolgten Tod des Vaters nach Wien gegangen. Die Südmark-Bundeszeitung schreibt in ihrem Nachruf, dass beide Elternteile während seiner Wanderschaft gestorben sind. Margit Pflagner hat allerdings als Sterbedatum für die Mutter den 14. Jänner 1891, für den Vater den 15. Juni 1902 eruiert; begraben wurden beide in Sankt Martin an der Raab. Das erklärt wohl, warum sie eine - auch geographisch fehlerhafte - Passage von Klothilde Benedikts Artikel nicht zitiert hat: "Die ersten hundert ersparten Frank schickt der Geselle [Anm.: aus Brüssel, wo er ein Jahr lang in einer Hutfabrik arbeitet] nach dem heimatlichen Güssing, damit den Eltern auf dem Friedhof ein ordentlicher Grabstein errichtet werde. Güssing im Raabtal - übrigens auch der Geburtsort der Frau unseres Staatskanzlers Renner - ist durch Reichl, dessen Gedichte im Reich weitverbreitet sind, vielen vertraut und lieb geworden."

Laut Levar war Reichl zumindest seit 1888 in Wien: Bis 1892 war er Geselle beim Hutmachermeister Gärner, danach längere Zeit arbeitslos, ehe er "bei der Firma Bellerin Leiter einer Filiale in der Gumpendorfer Straße" wurde. Wahrscheinlich war er dort jedoch nicht Filialleiter, sondern - wie Klothilde Benedikt schreibt - Verkäufer; denn zur fraglichen Zeit hatte Ballarin nur dieses eine Geschäft. Die "Wiener Hutmacher-Zeitung" vom 15. Dezember 1892 enthält ein Inserat, das durchaus von Reichl stammen könnte: Ein "junger Hutmacher mit schöner Handschrift" sucht eine Anstellung als Verkäufer oder Magazineur. Nicht unbedingt für diese Spekulation spricht allerdings, dass Angebote an das Postamt Neubaugasse unter der "Chiffre A.S." erbeten werden.

Die im Jahr 1892 erfolgten beruflichen Veränderungen im Leben Reichls könnten durch den Tod seiner Mutter zumindest mitausgelöst worden sein, denn laut den Matriken von St. Martin an der Raab starb sie nicht - wie bei Margit Pflagner zu lesen - am 14. Jänner 1891, sondern am 14. Jänner 1892. Anna Reichl war 65 Jahre alt, als sie im Haus Neumarkt an der Raab Nr. 2 an Tuberkulose starb. Im selben Haus wurde am 31. August 1894 Rosa, die uneheliche Tochter der ledigen Johanna Reichl geboren, und sie verstarb ebendort am 30. Oktober 1894. Offensichtlich hatte Reichl also noch eine zweite, jüngere Schwester, und offensichtlich übersiedelte diese spätestens im Jahr 1895 mit ihrem Vater Peter Reichl von Haus Nr. 2 auf Haus Nr. 84.

Dort wurde nämlich am 3. September 1895 ihr Sohn Karl geboren, und dort starb am 14. Juni 1902 ihr Vater Peter Reichl im Alter von 81 Jahren. Zu dieser Zeit war seine Tochter Johanna wohl nicht oder nicht mehr bei ihm, denn sein Tod wurde dem Standesamt vom Bahnarbeiter Richard Binder gemeldet, der als Verwandter des Verstorbenen bezeichnet wird. Da Richard Binder die ungarische Sprache nicht verstand, las ihm der Standesbeamte die Eintragung auf deutsch vor, und Richard Binder unterschrieb diese dann als den Tatsachen entsprechend - mit drei Kreuzen. Als Todesursache ist die völlige Erschöpfung der Körperkräfte durch hohes Alter angegeben.

Dem Andenken seiner Eltern Josef Reichl widmete Reichl ein Gedicht, das er auf ihrem Grabstein eingravieren ließ. 1907 erschien es auch im Druck, und zwar unter dem Titel "Am Grabe der Eltern":

Ein heißes Dankgebet steigt auf in meiner Seele
Und mich erfaßt ein hartes, wildes Weh -
Wenn sinnend ich vor dem geweihten Hügel
Allein bei meinen lieben Eltern steh´.
Mir ist´s als spräche noch die gute Mutter,
Als hört ich noch des Vaters strengen Laut,
Als schliefen beide in der kleinen Stube
Wie einst zusammen, noch so lieb und traut.

Der Grabstein der Eltern ist noch heute samt eingraviertem Gedicht im Friedhof zu St. Martin an der Raab zu sehen. Den Steinmetz, der den Grabstein herstellte, fand Reichl in der Wallgasse in Wien-Mariahilf, also in einer Gegend, in der sich der überwiegende Teil seines Wiener Lebens abspielte: Schon das Geschäft seines ersten Arbeitgebers Georg Gärner befand sich in der Mariahilferstraße Nr. 79, jenes von Ludwig Ballarin in der Gumpendorferstraße Nr. 163. Beide gehörten offenbar zu den führenden Vertretern ihres Gewerbes: 1892 saßen sie z.B. im Wahlkomitee der Hutmacher-Genossenschaft, 1894 fungierten sie als Beisitzer bei der Lehrlingsaufdingung und -freisprechung.

Levar schreibt, Reichl habe "die Filiale" von Ballarin gekauft, wogegen Klothilde Benedikt vom Kauf "einer Döblinger Filiale" spricht. Aber erst das gewerbliche Adressbuch für 1897 verzeichnet für Ballarin eine Filiale, und zwar in der Währingerstraße Nr. 44; eine weitere Filiale in der Döblinger Hauptstraße Nr. 57 kommt 1899 hinzu. Reichl ist im Wohnungsanzeiger erstmals 1897 zu finden, d.h. dass er davor in Untermiete gelebt hat. Unter den Gewerbetreibenden scheint er seit 1898 auf, was bedeutet, dass er spätestens 1897 die Meisterprüfung abgelegt haben muss. Die Angaben über Reichl im gewerblichen Adressbuch entsprechen jenen im Wohnungs-Anzeiger, mit einer Ausnahme: 1901 wird seine Wohnadresse - wohl zutreffend - nach wie vor mit Sechshauserstraße Nr. 2 angegeben.
Jahrgang Eintragung in Lehmann's Allgemeinem Wohnungs-Anzeiger
1897 Reichl Josef, Hutmacher, XV. Sechshauserstr. 4
1898 Reichl Josef, Hutmacher, XV. Sechshauserstr. 2
1899 Reichl Josef, Hutmacher, XV. Sechshauserstr. 2
1900 Reichl Josef, Hutmacher, XV. Sechshauserstr. 2
1901 Reichl Josef, Hutmacher, XV. Sechshauserstr. 10; Geschäft: IX. Alserstr. 38
1902 Reichl Josef, Hutmacher, VI. Aegidig. 4; Geschäft: XV. Sechshauserstr. 2
1903 ff. Reichl Josef, Hutmacher, XV. Sechshauserstr. 2

1897 heiratete Reichl Hermine Pfitzner, laut Margit Pflagner "eine Verwandte des Tondichters Hans Pfitzner". Sohn Kurt wurde am 5. August 1899 geboren. Laut Reichls Meldezettel starb seine Frau Hermine am 17. Jänner 1901. Die Aufgabe des offensichtlich erst kurz zuvor eröffneten Geschäfts in der Alserstraße und die Übersiedlung in die Aegidigasse Nr. 4 könnten eine Folge ihres Todes gewesen sein. Hier soll angemerkt werden, dass dreißig Jahre später Reichls Sohn Kurt für kurze Zeit in der Aegidigasse Nr. 5 wohnte. Wenn man schließlich noch berücksichtigt, dass der zweifache burgenländische Landeshauptmann Dr. Alfred Walheim "um's Eck" in der Mittelgasse gewohnt hat, so erscheint der heutige Standort eines burgenländischen Studentenheimes an der Ecke Aegidigasse / Mittelgasse nicht unpassend. Josef Reichl blieb allerdings nicht lange in der Aegidigasse, denn laut Meldezettel erfolgte die Rückübersiedlung in die nur wenige hundert Meter entfernte Sechshauserstraße Nr. 2 schon am 8. Jänner 1902. Im folgenden Jahr heiratete Reichl Anna Pfitzner, die Schwester seiner verstorbenen Frau. [Anm.: Für die Übermittlung der Daten aus dem Meldezettel danke ich Herrn Dr. Fritz Königshofer, Bethesda, USA.]

"Das Reimen ist nicht mein Beruf" - Reichls Weg zur Dichtung

Für die von Levar erwähnten frühen literarischen Tätigkeiten Reichls (Mitarbeit an einer handgeschriebenen Monatschrift und in einer literarischen Gesellschaft) konnten keine Belege gefunden werden. Bei Klothilde Benedikt lesen wir: "Hugo Klein, ein gebürtiger Ungar, Herausgeber einer Zeitschrift "An der blauen Donau", entdeckt aus einigen Gelegenheitsscherzen in Reichl den Dichter und veröffentlicht in den 90er Jahren dessen erste Verse." Hugo Klein wurde 1853 in Szegedin geboren, war zunächst Journalist beim "Ungarischen Lloyd", später beim "Neuen Pester Journal". Seit 1883 lebte er in Wien.11 Zumindest 1893 und 1894 war er Redakteur (nicht Herausgeber) einer Zeitschrift namens "An der schönen blauen Donau". In diesen Jahren finden sich dort - übrigens neben etlichen Gedichten von Alfred Walheim - einige mögliche Bezugspunkte zu Josef Reichl: Zumeist sind es an einen "Josef R-l in Wien" gerichtete Mitteilungen in der Rubrik "Correspondenz der Redaction", die diesem fleißigen Einsender von Gedichten bescheiden: "Besten Dank! Für uns nicht geeignet." Manchmal geht die Redaktion auch näher auf seine Zuschriften ein: "Lassen Sie die Sonne untergehen, lassen Sie den Hirtenknaben blasen - und bedichten Sie sie nicht. Sie sehen, die Sonne flieht, wenn Sie Ihre Leier stimmen, selbst die Schafe suchen einen sicheren Zufluchtsort - stören Sie nicht ihre Ruhe. Vertrauen Sie nicht zu sehr ihrer Lammsgeduld, und besonders gehen Sie dem Hirtenknaben aus dem Weg. Sie wissen ja, Stab auf Knab', das reimt sich." - "Sie versprechen uns ihren "ewigen Dank", wenn wir das Gedicht abdrucken. Wir sind aber überzeugt, uns den "ewigen Dank" unserer Leser zu erwerben, wenn wir es nicht veröffentlichen." Ende 1894 druckt die Zeitschrift das Gedicht "Ban Wegstoan", als dessen Autor Josef Reich [sic!] aus Wien angegeben wird:

Bin ma hiarzt mit gnua gscheidt
Wos i sull thoa
Denk scho a Wal do noch
Do ba den Stoa.
Ob i noch rechts sull gehn
Oda noch links,
Weil sie da Weg do thoalt
Is d'Wahl nix grings.
Rechts lodnt a Buschn mi
Duat zu an Wein,
Und do links kunnt ba da
Mirn i bold sein.
Wia i ban Stoa sao sinn'
Hör i a Liad,
I hao die Stimm glei kennt
s' Herz hots ma grührt.
I hao mei Mirn duat gsehn
Links auf da Höh,
Zu Dir mei Dirn, i am
Liabsten dao geh.

In einem 1909 veröffentlichten Gedicht mit dem Titel "Der Autodidakt" schreibt Reichl über seinen Zugang zur Dichtung:

Ich bin ein echter Autodidakt
Und Dichter von Gefühl,
Schreib nieder, was mein Herz mir sagt,
Sei´s wenig oder viel.
Und kommt ein Fehler irgend vor,
So nehmt ihn ruhig hin,
Nur nehmt mich nicht deshalb beim Ohr,
Ihr wißt ja, wer ich bin.
Das Reimen ist nicht mein Beruf,
Doch freut´s mich ungemein,
Wenn ich ein Kind der Muse schuf.
So für mich ganz allein.
Da hebt und regt sich ein Gefühl.
In mir so sanft, so weich,
Als führte mich mit Harfenspiel
Frau Minne in ihr Reich.
Nie trug ich Kappe oder Band,
Nie Schrammen im Gesicht,
Mir blieb die Schule unbekannt,
Sah diese Stätte nicht!
Und dennoch hab ich es gewagt,
O Leser, bitt´, vergib -
Daß ich als ein Autodidakt
Die Verse niederschrieb.


Wir kennen auch einige Details der privaten Weiterbildung des Dichters. Josef Reichl "hielt sich einen Grammatiklehrer", berichtet Hans Levar, und "er studierte die Werke des Dr. Matthias" und besuchte einen Vortragskurs bei der Schauspielerin Wilbrandt-Baudius. Auch in Reichls Gedicht "´s Sprochbuach", 1907 veröffentlicht, kommt das Thema im wahrsten Sinne des Wortes zur Sprache, wenn auch auf scherzhafte Weise:

Letzt hao i ma a Sprochbuach kaaft
Um Deutsch guat z´ lernen drinn
Wal i ols kloana Bua in d´ Schul
Fost nia nit keman bin.
Do steht olls drin, hao i ma denkt,
´s g´hört für d´ höhern Schul´n,
Vom "Dokta Willomitzer" is -
Den sull da Teixel huln!
I hao, wia i dos Buach aufg´schlog´n
Glei kriagt an Riesen-Zurn -
Wal mit dem d e u t s c h e n Sprochbuach bold
L a t e i n e r i war wurn!

Durch seine zunehmend Verbreitung findenden Gedichte erreichte Josef Reichl allmählich auch künstlerische Anerkennung. "Nun", so schreibt Margit Pflagner (ohne diesem Wort eine Zeitangabe zuzuordnen), "erschienen seine Arbeiten beispielsweise in den "Meggendorfer Blättern", in der Zeitschrift "Die Jugend" und besonders in dem Organ der Karpathendeutschen, der Monatsschrift "Von der Heide"." Für die letztgenannte Zeitung konnte ermittelt werden, dass die erste Veröffentlichung aus dem Juni 1912 datiert:
"'Mei Rootol'. Unter dieser Überschrift veröffentlichen wir im vorliegenden Hefte ein mundartliches Gedicht eines westungarischen deutschen Schriftstellers namens Josef Reichl, der gegenwärtig in Wien lebt und uns das Versprechen gegeben hat, uns gelegentlich einen Prosaaufsatz über seine Heimat - das Raabtal - zu schreiben. Wir hoffen, dadurch insbesondere auch unseren Lesern in Westungarn eine kleine Überraschung bereitet zu haben."

Der angekündigte Aufsatz folgt schon im August 1912. Das Gedicht "Mei Rootol" eröffnet auch Reichls 1918 erschienenen ersten Sammelband ("Hinta Pfluag und Aarn"), allerdings in veränderter Form. Hier zum Vergleich links die ältere, rechts die neuere Fassung:

Af d´ oagnan Felda blüaht da Woatz, Af d´ oagnan Felda blüaht da Woatz,
Af d´ oagnan Bergn da Wei´ Af d´ oagnan Bergn da Wei´
Und ´s Glück dos blüaht in oagnan Hoam, Und ´s Glück dos blüaht in oagnan Hoam,
In hellsten Sunnenschei. In hellstn Sunnanschei.
Dos blüaht und locht aus Kindaaugn, Dos blüaht und locht aus Kindaaugn,
Aus frischa, junga Soot, Aus frischa junga Soot,
Af d´ waldig´n Flurn und d´ sottgrüan Aun, Af d´ waldign Flurn und d´ sottgrüan Aun,
Sao weit da Himmöl bloot, Sao weit da Himmöl bloot.
Und umandum zoag´ si da Fleiß, Dos geht af Bergn und Rügln um,
Koa Müaßisein gibs nit - Af olle Bot und Ritt
Und hintan Pfluach und Aarn do geht Und hintan Pflua(g) und Aarn do geht´s
Mei gaonzes Glück a mit, In gleichn Schritt ah mit.
Und wen i red und wen i siach Dos singt und locht af niadn Bam
Und wen i grod begegn, Und rauscht aus Bach und Quelln
De Leut sein oll sao liab und guat, Und nindascht folln ma´d Sunnstrohln sao
Wia selten wo oa´ z´sehgn. Ins wohne Herz, die helln.
Und dos mocht mi sao glückli a Und wen i red und wen i siach
Drum sog i mit oan Wurt: Und wen i grod bigegn,
I wül na in mein Rootol bleibn De Leut sein oll sao lia(b) und guat,
Und wül holt nia mehr furt. Wia seltn wo oa z´sehgn.
  A Menschnschlo(g) vull Lebn und Kroft,
  Van echtn deutschn Bluat -
  Drum lo(b) i ma mei Rootol holt,
  Wo sao wos grotn tuat!

Margit Pflagner schreibt, Reichls Arbeiten seien "besonders" in der Zeitschrift "Von der Heide" erschienen. Dies trifft jedoch viel eher auf die von Pflagner und allen anderen Reichl-Biographen nicht erwähnte Wiener Zeitschrift "Unverfälschte Deutsche Worte" zu, aus der im Rahmen dieser Arbeit ausführlich zitiert wird. Von 1905 bis 1914 erschienen dort ungefähr 90 Gedichte von Josef Reichl. Das erste trägt den Titel "An die Sonne" und ist - was in der Folge nur mehr ausnahmsweise der Fall ist - in Standardsprache verfasst:

O Sonne! wie im Morgentau
Die schwellende Knospe du küßt
Und aus dem sich öffnenden Kelche dann
Die duftende Rose sprießt:
So weck auch meine Seele auf
Aus den schweren Träumen der Nacht,
Auf daß sie am Morgen voll lodernder Glut
Der Freiheit entgegenlacht!

Die Zeitschrift trug den Untertitel "Monatsschrift für Alldeutsche Gesinnung und Lebensführung" und wurde 1903 von ihrem Gründer Georg von Schönerer an Karl M. Iro verkauft. Reichl - offenbar Mitglied oder zumindest Sympathisant der Alldeutschen - inserierte auch regelmäßig, und zwar mit dem selben Text wie im "Alldeutschen Tagblatt", das hin und und wieder auch eines seiner Gedichte druckte:

"Allen Gesinnungsgenossen empfohlen: Hutfabriks-Niederlage Josef Reichl, Wien, 15. Bez., Sechshauserstraße 2. Große Auswahl von Turner- und Schlepphüten. - Mitglieder nationaler Vereine ermäßigte Preise!"

"Ein ewiges Wandern"

Auch als seine Wanderschaft längst zu Ende war, blieb das Wandern - wie oben schon gezeigt - für den nach Wien ausgewanderten Reichl Thema seiner Dichtungen. Als weiteres Beispiel sei das 1910 veröffentlichte Gedicht "Jahreswechsel" angeführt:

Sao geht ua´ Johr no´n aondern,
Es is a ewigs Waondern,
A keman und a gehn,
Neamd´ kao do widerstehn.
Stott jinger wird ma älter,
´s Bluat wird in oanfurt kälter,
Oans stirbt und oans blüaht auf -
So geht da Zeitenlauf!

Das "ewige Wandern", so schreibt später der burgenländische Sozialdemokrat Ludwig Leser, sei charakteristisch für das ganze Burgenland, vor allem für den Landessüden:
"Fährt man Montag mit einem Frühzug der Raaberbahn, so ist man mitten drinnen in einer Völkerwanderung. Gut ein Drittel des ganzen Eisenstädter Bezirkes ist auf dem Wege in einen niederösterreichischen Industriebetrieb. Darunter ganze Züge von kroatischen Mädeln, die in die Spinnereien von Neufeld, Pottendorf, Eggendorf, Weigelsdorf usw. fahren. Mädchen, vielfach mit schier unwahrscheinlich zarten Gelenken, rassigen Gesichtern. Kreischend, ihre monotonen kroatischen Lieder singend. Ganze Züge von Arbeitern, sich in alle Betriebe Niederösterreichs zerstreuend. Kräftige, temperamentvolle Burschen, mit der Tugend der alten Grenzsoldaten in den Knochen und Sehnen. D i e s e s W a n d e r n s i e h t m a n i m g a n z e n L a n d. Am lebhaftesten im S ü d e n, wo zu den sozialen Gründen dafür noch der angeborene Wandertrieb der Heinzen kommt. Wenn das Frühjahr naht, so schnürt der Heinz sein Bündel, drückt seiner Frau die Hand, küsst seine Kinder und hinaus geht's in die weite Welt. Sehr oft bis nach Amerika. Im Sommer kommen die anderen nach. Mädel und Burschen, Väter und Söhne. "Zum Schnitt"! Irgendwo in einen österreichischen Meierhof. Überall drängt der Großgrundbesitz die Bauern auf Zwergbesitzungen zurück. Das Bauerntum bröckelt sozial ab, seine Söhne werden proletarisiert und ziehen mit dem Werkzeug am Rücken in der ganzen Welt herum. Wo immer da in Österreich ein Bau aufgeführt wird, hört man die singende, breite Mundart unserer Heinzen. In allen österreichischen Betrieben findet man sie, die Burgenländer, in Massenquartieren zusammengepfercht. Auf den Straßen, die nach Österreich führen, sieht man sie ziehen zu Fuß, zu Rad, den Rucksack am Rücken. Ein ewiges Wandern. Es gibt kein Land in ganz Österreich, dessen Bevölkerung so sehr ständig in Bewegung wäre, wie die des Burgenlandes. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass ein ganzes Drittel ständig wo anders als zu Hause ist."

Johann Neubauer, als Mundartdichter selbst einer der Begabtesten seiner Zeit, verfasste Ende 1924 einen Nachruf auf Reichl, in dem er wie selbstverständlich das Motiv des Wanderns aufgriff. Neubauer, der damals in Ödenburg als Lehrer tätig war, widmete die folgenden Zeilen "Dem Andenken Josef Reichls":

Heu(n)t trauan die Hienzn. A kreuzbrava Mau(n)
Is af d´ Wandaschoft ganga - a(u)nni "Pfiat Gout",
Sou unvahouft schnöl, daß ma ´s glaum nit recht kau(n),
In Wandastouck ea in die Hand g´namma hout.
Und trauri is ´s holt, daß ea weit ganga is,
Sou weit, daß ea zruck nit mea find´t -
Hout ´s sölwa nit gwißt, de(i)s is amul gwiß,
Daß ea muiß varoasn - sou weit und sou gschwind. [...]

Reichls Tod fand also auch in Ungarn - natürlich vor allem bei den dort verbliebenen westungarischen Deutschen - Beachtung. Eine ungarische Zeitung kommentierte seinen Tod unter der Schlagzeile "Der Volksdichter des Burgenlandes gestorben" mit leicht ironischem Unterton folgendermaßen:
"Freitag wurde in Wien ein interessanter Mann zu Grabe getragen. Er hieß Josef Reichl und war Hutmachermeister. In einem äußeren Bezirke Wiens verkaufte er Hüte und war Dichter. Die großen Blätter Wiens schrieben jetzt ganze Spalten über ihn, der seine Verse im Dialekt des burgenländischen deutschen Volkes gedichtet hatte. Er starb im 64. Lebensjahre und war 58 Jahre alt, als sein erstes Buch erschien. Er war im Burgenland derart bekannt und beliebt, dass die Kinder, sobald er seinen Fuß in irgend ein Dorf setzte, auf die Gasse liefen mit den Zurufen: "Vater Reichl ist hier!" Eine große Schar von Kindern folgte ihm das Dorf entlang und ließ nicht ab von ihm, bis er ihnen das neueste Märchen erzählte. Man nannte ihn auf russische Art "Väterchen". Sein Vater war ein Angestellter des Fürsten Batthyany und Seppl der Dichter wurde in einer Waldhütte geboren. Wenn sich Seppl unter die Dorfkinder mengte, nannten sie ihn ebenfalls auf russische Art "Peter-Seppl", als ob er Nikolai Mihalovics oder Josef Petrovics gewesen wäre. So wie Hans Sachs, der einstige große Meistersänger neben der Scherben Licht, nahm er neben der Petroleumlampe Platz und dichtete. Jeden Sonntag besuchte er die burgenländischen Dörfer und las seine Verse vor. Auch diesmal war er im Begriffe, ins Burgenland zu fahren. Auf dem Wege zur Eisenbahn musste er aber umkehren [...]"

"Zu irgendwelchen Ehrentiteln hat er es in seinem ganzen Leben nicht gebracht.", so schreibt Otto Kery anlässlich des 50. Todestages von Josef Reichl in "Volk und Heimat". Doch Reichl starb immerhin als Ehrenbürger von St. Martin an der Raab und Neumarkt an der Raab, als Ehrenmitglied des Vereins der Burgenländer in Wien, des Vereins der deutschen Hochschüler in Wien, des Männergesangsvereins "Deutsche Eiche" in Tatzmannsdorf, als wirkliches Mitglied der deutsch-österreichischen Schriftstellergenossenschaft, des Bundes der deutsch-österreichischen Mundartdichter sowie des Allgemeinen Schriftstellervereins Berlin. Zu guter Letzt sprang auch noch das Eisenstädter Schlaraffenreich "Ferrostatia" auf den eigentlich schon abgefahrenen Zug auf und erklärte Anfang 1925, man habe "den verstorbenen Heimatdichter Josef Reichl zum Ehrenschlaraffen ernannt und führt er als solcher den Namen "Ritter Bleamal, das Heanzengmüat"."

Wenn man Reichls einstiges Wiener Wohnhaus heute betrachtet, so fragt man sich, ob die Eisenstädter Schlaraffen über prophetische Fähigkeiten verfügten: Aus dem einstigen Hutmacherladen ist eine Filiale einer Blumenhandels-Kette geworden, und unübersehbar prangen die Lettern "Blumen 2000" auf der Fassade des Hauses. Übersehbar erscheinen dagegen die beiden zu Reichls Ehren angebrachten Gedenktafeln. Die ältere der beiden Tafeln wurde Ende 1925 vom "Josef Reichl - Bund" beim akademischen Bildhauer Rusch in Auftrag gegeben. Neben einem Reliefbildnis des Dichters enthält sie die Inschrift: "In diesem Hause lebte, wirkte und starb der burgenländische Heimatdichter Josef Reichl, Güssing 1860 * + Wien 1924". Am 20. Juni 1926 erfolgte die feierliche Enthüllung, aus deren Anlass sogar der Straßenbahnverkehr eingestellt wurde. Hans Ambroschitz, Schriftleiter des "Freien Burgenländer", kündigte im Vorfeld der Veranstaltung in seiner Zeitung an, "Vater Reichl" würde ganz bestimmt "Petrus um Urlaub bitten", und daher könne es als gesichert angesehen werden, dass er bei der Feier anwesend sein würde. Das Festprogramm beinhaltete die folgenden Punkte:
1. "Präludium" - Bläserquartett der Staatsoper
2. "'s Hoamatland, 'd Muadasprach", vertont von Robert Davy, gesungen von einem Herrenchor der Staatsoper
3. Gedenkrede, vom Obmann des Josef Reichl-Bundes, Handelskammerrat Hermann Kandl
4. Übernahme der Gedenktafel in die Obhut der Gemeinde Wien
5. Ansprache der Vertreter der burgenländischen Landesregierung
6. a) "Hoamweh" b) "Hullablüah", vertont von Robert Davy, gesungen vom Herrenchor der Staatsoper
7. Kranzniederlegung

Landesschulinspektor Beza erwähnte in seiner Rede, das Volksbildungsreferat der Landesregierung habe die Werke Reichls an alle Schulen verteilt, Beiträge von ihm in die Lesebücher aufgenommen, und das Josef Reichl-Bild für alle Schulzimmer angeschafft.

"Da pulitische Huadra" - Reichl und die Politik

Als Reichl am 12. Dezember 1924 auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben wurde, waren neben persönlichen Freunden und Vertretern von Schriftstellervereinen auch Abgeordnete mehrerer Parteien anwesend. Besonders stark war die Großdeutsche Volkspartei vertreten, die Reichl als ihr "überzeugtes Mitglied" wie auch als ihren Vertreter in der "Verwaltungsstelle für das Burgenland" würdigte. Doch Reichl war als Mensch und Dichter über Parteigrenzen hinweg geachtet. So schrieb etwa der sozialdemokratische Abgeordnete Georg Sailer an die großdeutsche Landesparteileitung: "Erlaube mir, Ihrer Partei anlässlich des Ablebens unseres burgenländischen Heimatdichters Josef Reichl aufrichtiges Beileid zu übermitteln." Die allgemeine Hochachtung hatte sicherlich auch mit seinem Engagement für die Vereinigung des Burgenlandes mit Österreich zu tun.

Am 21. November 1918 erschien in der "Ostdeutschen Rundschau" Reichls Aufruf an seine Landsleute mit dem Titel "Die Entscheidungsstunde der Deutschen Westungarns. Aufruf eines Landsmannes." Unterzeichnet war er mit den Worten "Auf zur Vereinigung! Auf zum deutschen Vaterlande! Los von der alten Zwingherrschaft, hoch der alldeutsche Geist. Mit Heilgruß und Handschlag Euer Landsmann Josef Reichl". [Anm.: In einem 1952 herausgegebenen Buch wird dieser Text als Flugblatt bezeichnet, mit 21. Oktober 1918 datiert, und endet mit den Worten: "Auf zur Vereinigung! Mit Gruß und Handschlag euer Landsmann Josef Reichl." - Ob ein derartiges Flugblatt existiert hat, konnte nicht ermittelt werden. Sollte es nicht existiert haben, so wird das durch die NS-Zeit mehr als diskreditierte alldeutsche Vokabular wohl gestrichen worden sein, um Reichl nicht zu Unrecht in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken.] Und die große Anschluss-Kundgebung im Wiener Kolosseum am 2. März 1919, die mit einem Demonstrationszug über den Ring verbunden war, leitete Reichl mit seinem Gedicht "Für d´ Hoamat und d´ Sprach" ein. Nicht ohne Grund nannte man ihn damals den "Sänger des Anschlusses", und sah in rückblickend als "geistige Leitgestalt der Anschlussbewegung".

Durch die ab 1918 erfolgende Herausgabe seiner Arbeiten in Buchform wurde Reichl weiteren Kreisen bekannt. "In seinen letzten Lebensjahren erfreute sich der Dichter allgemeiner Verehrung. Er zählte viele hervorragende Männer zu seinen Freunden", schreibt Hans Levar. Im Wiener Kulturleben wurde Reichl zu einer angesehenen Persönlichkeit. Er verkehrte mit Komponisten und Schriftstellern und publizierte in vielen, auch überregionalen Zeitungen und Zeitschriften. Ein befreundeter Theaterkritiker, Oskar Hubicki, der sich erfolglos um eine Generalprobenkarte für das Burgtheater bemüht hatte, wandte sich an ihn um Intervention - und Reichl schrieb am 2. Juli 1924 an Erhard Buschbeck [Anm.: stv. Direktor des Burgtheaters]:
Sehr geehrter Herr Buschbeck! Sie würden mir persönlich einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie meinem Freunde, Herrn Oskar Hubicki, Chefredakteur des Weltbildes, die Promanenzkarte für die Generalproben des Burgtheater verschaffen würden.Trotzdem das Blatt einen großen Theaterteil in Wort und Bild eingerichtet hat, wurde Herrn Hubicki's Ansuchen um eine Karte von Herrn Kanzleirat Molitor abgelehnt mit der Begründung Wochenblätter bekämen keine Promanenzkarten. Nun hat aber Herr Hubicki als Theaterreferent des Interessanten Blattes immer eine Generalprobenkarte gehabt und hat auch jetzt eine solche für die Staatsoper. Ich glaube deshalb, daß Sie meine Bitte erfüllen könnten und zeichne mit den herzlichsten Grüßen in dieser Hoffnung als Ihr sehr erg. Josef Reichl.

Reichls Ruf drang sogar bis nach Amerika: 1923 schrieb Adolf Kurtz, ein unter den burgenländischen Auswanderern in Pennsylvania wohlbekannter, 1904 ausgewanderter Musiker, an den "Freien Burgenländer", er schicke anbei vier Dollar, davon seien zwei für die Bezugsgebühr gedacht, einer als Spende für den Pressefonds, "und für einen Dollar senden Sie mir die Werke von Josef Reichl".

Die Großdeutsche Partei, die in der Anschlussbewegung noch eine führende Rolle gespielt hatte, konnte in den Jahren nach 1921 dem Burgenland außer einer guten Zeitung nicht viel bieten - sogar in der Agitation für den Anschluss an Deutschland hatte sie mit dem Sozialdemokraten Ludwig Leser einen übermächtigen Konkurrenten. In dieser Situation war der zumeist "unser Heimatdichter Josef Reichl" genannte Schriftsteller ein willkommenes Aushängeschild, das wohl gelegentlich auch für Parteizwecke instrumentalisiert wurde - sogar nach seinem Tod, als man sich über den Geistlichen von St. Martin an der Raab beschwerte:
"Pfarrer Janisch hat von der Kanzel aus zwar mitgeteilt, dass die Glocken für den verstorbenen Josef Reichl geläutet werden, aber sonst kein Sterbenswörtchen daran geknüpft. Aber wir Deutschgesinnte, wir wissen es trotzdem, dass wir unseren edelsten Landsmann, unseren unermüdlichen für den Anschluss wirkenden Heimatdichter verloren haben. Möge ihm die deutsche Erde leicht sein!"

(Versuchten) politischen Missbrauch Reichls witterte aber auch sein langjähriger persönlicher Freund, der Goldschmiedemeister und Kammerrat Hermann Kandl. Er war Obmann der Großdeutschen Volkspartei von ihrer Gründung bis zum Jahr 1923, und spielte später eine führende Rolle im "Josef Reichl-Bund". Der "Bodenständige Burgenländer", ein die Interessen der einheimischen Beamten vertretendes Blatt, zitiert nicht ohne Genugtuung Kandls Nachruf auf Josef Reichl:
"Als noch keiner der patentierten "Retter" des Heinzenvolkes daran dachte, sich in dessen Befreiungsdienst zu stellen, vor Jahrzehnten schon, klingen Reichls Mahnrufe hinüber ins Heinzenland: Bleibt deutsch! Von dem Augenblicke an, als die Möglichkeit aufschien, das deutsche Burgenland an Österreich anzuschließen, sang, schrieb, dachte Reichl nichts anderes mehr. Sein Herz versagte nicht zuletzt deshalb den Dienst, weil er es als göttlicher Verschwender seinem Volke in nimmermüder Anstrengung ohne Selbstschonung aufopferte. Wie eine Edeltanne im rasch emporschießenden, aber wertlosen Unterholz stand der Aufrechte, Brave, Edle damals mitten unter den eklen Heuchlern, die selbst ihn und die Verehrung, die man ihm in der Heimat zollte, in den Dienst ihrer Streberei stellen wollten, die damals plötzlich ihre "heiße Liebe" zum Heinzenlande entdeckten, allerdings zugleich mit der Tatsache, daß das Heinzenvolk ihrer dringendst als "intelligenter" Führer und Mandatare bedürfe. Das war damals, als neben den braven, nach ihren Eigenheiten humorvoll als "Spiegel"-, "Bumm"- und "Repetierheanzen" bezeichneten Bodenständigen, eine neue, bösere Gattung auftrat: die Konjunkturheanzen aus Deutschösterreich. Aber Josef Reichl war nicht zu mißbrauchen. Ihn lockte keine "offizielle" Ehrung: er sang so "wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet" und ihm war am wohlsten unter den "unintelligenten" Männer und Weibern, Mädln und Buben in Gotthard und St. Martin und wie froh er war, wenn er bei seinen Fahrten den "intelligenten Führern", die überall mit dem öligen Brusttone der Ueberzeugung zum Volke und für ihre Stellungen sprachen, ausweichen konnte. Reichl konnte auch durch diesen Schlamm gehen, ohne mehr als seine Stiefelsohlen zu beschmutzen."

Reichl war zweifellos ein Sympathisant der alldeutschen, bzw. später großdeutschen Partei - seine Inserate in alldeutschen Blättern wurden schon erwähnt - aber mit den "Los von Rom"-Parolen seiner Gesinnungsgenossen konnte er wohl wenig anfangen - denn dass er gläubiger und frommer Katholik war, kommt in seinen Taten und Worten klar zum Ausdruck. So ist etwa überliefert, dass er in der "Elektrischen" seine neuen Handschuhe einem frierenden Mädchen schenkte, und auch seine zahlreichen Gedichte über den "Hergoud" sprechen eine deutliche Sprache, ebenso das sehr persönliche "´s Kirchal va Samirtn".

Sieht man das Gedicht "Da pulitische Huadra" als autobiographisch an - wofür einiges spricht - so stellt er sich darin auf humorvolle Weise als konzilianten, um den politischen Ausgleich bemühten Menschen dar. Er beschreibt den - erfolglosen - Versuch eines Hutmachers, einen für alle Parteien passenden Hut anzufertigen, "daß d Schädln dri mol eini(g) sein, de ollwal "Heil!" und "Hurrah!" schrein".

Auch war er sicherlich kein "Ungarnfresser" von Geburt an: In seiner bekannten Erzählung "Das Kroatenhäusl" preist er ja nachgerade das friedliche Zusammenleben der Nationalitäten und Konfessionen im Burgenland. Es war wohl der ungarische Nationalismus in Gestalt der von den staatlichen Stellen immer konsequenter betriebenen Magyarisierung, der ihn seinerseits politisch sensibilisierte. Der Darstellung Hans Levars folgend, finden wir ihn immerhin eine Zeitlang im ungarischen Finanz- und somit Staatsdienst. Erst als er diesen wegen mangelhafter Kenntnis der ungarischen Sprache aufgeben musste, so Levar, habe er seine Heimat verlassen. Hiezu mag noch die eine oder andere persönliche Erfahrung der Ohnmacht der armen deutschsprachigen Landbevölkerung gegenüber den ungarischen Adeligen und Beamten gekommen sein.

Von den in der alldeutschen Zeitschrift "Unverfälschte Deutsche Worte" gedruckten Gedichten Reichls sind nur die wenigsten politischer Natur, wie zum Beispiel "Tschechen in der Fremde", in dem er ein tschechisch gefärbtes Deutsch nachahmt:

Mi same do su glickli,
Mi same do su gern, [...]
Doch schrei me in Versammlung:
Verflixtes deutsches Hund!

Keine Frage, aus heutiger Sicht sind diese Worte alles andere als "politisch korrekt", aber man muss sie - um sie zu verstehen, nicht um sie zu rechtfertigen - vor dem Hintergrund des sich in jenen Jahren zuspitzenden Nationalitätenkonflikts innerhalb der österreichisch-ungarischen Monarchie sehen: So hat etwa der russische Zar 1914 den Tschechen ein Königreich von seinen Gnaden versprochen, das auch Wien umfassen sollte. Nachdem die Tschechen nach Kriegsende Südböhmen und Südmähren besetzt hatten, kam Präsident Masaryk "auf jene Denkschriften und Wünsche zu sprechen kam, die das eigentliche Ziel sein müssten: Wien und der Großteil Niederösterreichs sollten tschechisch werden. Die Grenze könnte vielleicht von Tulln südwärts nach Baden und von dort zum Neusiedler See gehen, die Nordgrenze Jugoslawiens mit der Nordgrenze der Steiermark gezogen werden, Tirol-Vorarlberg gingen an die Schweiz und so weiter. Die Begründungen waren vielfältig: Wien sei zu 80 Prozent von Tschechen bewohnt und kultiviert worden, in seinen Hochschulen, Museen und Theatern stecke vornehmlich Geld der böhmischen Länder. Das dünn besiedelte Niederösterreich, in dem es gelte, soviel Land wie möglich aufzukaufen, um auch solcherart vollendete Tatsachen zu schaffen, würde unabdingbar sein, um die überzähligen tschechischen Bauern anzusiedeln."

Reichls Werk umfasst also weit mehr als das idyllische Lied von der Heimat. In einzelnen Gedichten gibt er sich kritisch gegenüber der Technik und dem Fortschritt. Auf die in diesem Zusammenhang zu nennenden Gedichte über den Zeppelin ("D' Leut fliagn hiazt scho wia d' Vögln um"; 1909) und das Automobil ("'s Autl"; 1907) wurde kürzlich schon hingewiesen. Von seiner sozialkritischen Seite zeigt er sich etwa in "I hao an kloan Beamtn kennt" und in "´s wahre Mitglied", beide aus dem Jahr 1907:
 

I hao an kloan Beamtn kennt, In Kihran geh´ und bet´n schö´,
Der gorbat fruah un spat, Und ´s G´sicht dabei vazarrn,
Der nia zan Lebn vadiant si´ gnua, Kniaumrutschen, Sünden beichten
Gschweignst wos darsport si´ hot. Und die Augn vadrahn.
Den Stoot hot gopfert er sei Kroft, Kreuzer opfern, Mess´n zohl´n,
Do´ hot er´s nia z´wos brocht - , Bold für dös und dos
Er is holt nia nit vorwärts gruckt, Und schö: "Heili! Heili!" singen
Er hot zweng Buckerln g´mocht! Mit´n Schuastapoß.
"Sö müssn noch da Deckn si´ Wullfohrn geh´ und Fahna trogn
Holt streckn" hobns iahm gsogt Uman Hols a Kreuz -
Dö Herrn, wir er si übern Gholt Und dabei a folsches Herz
Sein kloan oanst hot beklogt. Vuller Fluach und Geiz.
Und wir er aft probiert die Kunst Tuat dahoam die Gselln recht schinden
Ob er si Kao darsporn, Olle Tog zwölf Stund: -
Sao viel, um koane Schulden z´hobn, Jo wegn wos war er sunst Mitglied
Do is er kraonk eh worn. Ban Herz Jesubund!
Und hot für imma nocha si  
Ins Bett, ins horte glegt,  
Und durt hot endli er aft z´letzt  
Si noch da Deckn gstreckt!  

"Ritter Bleamal, das Heanzengmüat" - Das Hohelied der Heimat

Dieser Name wurde, wie schon erwähnt, posthum und ehrenhalber von den Eisenstädter Schlaraffen an Reichl verliehen. Er gründet sich wohl in erster Linie auf die vielen Gedichte, in denen Reichl seine Heimat als Ort der Idylle darstellte. Das war jedoch, wie oben schon gezeigt wurde, nur eine Facette der Reichl'schen Dichtung. Populär machten ihn aber sicherlich vor allem diese seine idyllischen und auch seine heiteren Gedichte. Einige davon hat er auch in Standardsprache verfasst, etwa "Friedlich spinnt Hochsommersonne" aus dem Jahr 1914:

Friedlich spinnt Hochsommersonne
Gold'ne Fäden auf die Au
Und die zarten Blüten trinken
Stärkend, frischen Morgentau.
Durch die lauen Lüfte wirbelnd,
Weiht den Tag die Lerche ein.
Und die Bienen und die Falter
Wiegen sich im Sonnenschein.
Alles preist die gold'ne Freiheit,
Trunken von dem Himmelsglanz
Und ich preise meine Heimat,
Windend einen Blumenkranz.

Über seine "zahlreichen Vorlesungen eigener Dichtungen" schreibt Klothilde Benedikt 1920: "Hier kommt sein herrliches Organ zur Geltung, das es glaubhaft erscheinen lässt, wenn Meister der Rede und des Gesanges, wie Hyrtl, Kainz, die Klafsky, geborene Heinzen waren. Süß-stark, wie die Stimme, so möchte ich die Dichtung des Mannes bezeichnen, der in den Versammlungen gewöhnlich als Wiener Hans Sachs begrüßt wird, denn wie dieser ist er ein Poet und zwar kein Schuh-, aber ein "Hutmacher" dazu." Reichl verstand sich offenbar auch darauf, einen ausgewogenen Querschnitt seines Schaffens zu bieten. Über seine Lesung in der Monatsversammlung des Wiener Vereines zur Erhaltung des Deutschtums in Ungarn am 11. Oktober 1912 heißt es, er brachte "einige seiner schönen Gedichte in der Raabtaler Mundart zum Vortrag. Er wurde mit reichem Beifall empfangen und belohnt. Nachdem er "Mei Hoamat", "Laondflucht", "Noch'n Schnitt", "Hoamweh" und "Die Oachn" vorgetragen hatte, sprach er mit dramatischer Wirkung "Ungrische Auswanderer" mit dem bitteren Schluss: "... O ormes Ungarlaond!" Es war ein glücklicher Gedanke auf diese ernsten Töne auch Heiteres folgen zu lassen: "D' Infalenza" und "Sei Foll" zeigten des Dichters Können auch auf diesem Gebiet." Ein frühes Beispiel für diese seine humorvolle Seite ist auch das 1910 veröffentlichte Gedicht "D´Surg":

Mei Herr und mei Gott
Mei Bua is Soldot
Und gor a Koproll -
Hiazt fürcht i ollmoll,
Waonn ausbricht a Kriach,
Ob i ´n holt nao siach?
Wals hoaßt, daß vor olln
Zerscht d´ Hochn oll folln!

Reichl kleidete gelegentlich eine (sprach)politische Botschaft in das Gewand einer idyllischen Landschaftsschilderung, wie im 1911 veröffentlichten "In Gotthord":

In Gotthord, in Gotthord,
In Ungarn is schön,
Do siacht ma die Lofnitz
In d´ Roo imhi geh´n.
Do lafens mitsaomen
In d´ ungrische Ebn
Und plaudern oa´ Sproch holt
De Gott Eahna gebn.
De plauderns und lischpelns,
Koa fremder Laut mocht
Si z´hörn drei´n ols dens vo´
Da Hoamat mitbrocht.
De red´n holt nit aonderscht,
Bleibn trei Eahna Sproch -
Und gnau a sao mochens
Die Gotthorda noch.


In "Hulzschlogn", erstmals 1911 veröffentlicht, endet eine Schilderung des morgendlichen Gesangs der Vögel im Walde unvermutet in einer Anklage der adeligen Misswirtschaft (rechts zum Vergleich die 1921 in "Va Gmüat za Gmüat" gedruckte Version):
 

Die Vögeln holten Hochamt, Die Vogaln holtn Hochamt,
Da Gsaong klingt durchn Wold Da Gsaong kling´ durchn Wold
Kam, daß die Nocht hot aufgramt, Kam, daß die Nocht hot a(u)fgramt
Und d´ Sunn vom Himöl strohlt. Und d´ Sunn van Himmöl strohlt.
Die Buachnkronen rauschen Die Buachnkraonan ziddan
Von frischen Murgnwind trogn, Van frischn Morgnwind trogn,
Sie rauschen und sie plauschen: Sei aohnan scha und widdan:
"Heut wiad da Wold abgschlogn. Da Wold wird heunt ogschlogn.
Da Wold so gsund und kräfti, Da Wold sao gsund und kräfti,
Die Bama wia die Saaln - Mit Stamma wia die Saaln
Muaß folln nao heunt za Hälfti - Wird folln nao heunt za Hälfti -
Da Grof muaß Schulden zahln." Da Grof muaß Schuldn zahln!

Viele derartige Gedichte und auch zahlreiche Kurzgeschichten hatte er schon verfasst und etliche auch in Sammelbänden veröffentlicht, ehe er sich zusammen mit dem Schriftleiter des "Neuen Wiener Journals", Oskar Hubicki, an seinen ersten dramatischen Versuch wagte, an das 1704 in einem "heinzischen Dorf" bei Ödenburg spielende - heute verschollene - Schauspiel "Eines Volkes Recht". Unter der Regie von Schulleiter Heinrich Eigenbauer wurde es am 30. Dezember 1923 im Tatzmannsdorfer Gasthaus "Zur Krone" uraufgeführt - offenbar von lokalen Laienschauspielern, wie die Besetzungsliste zeigt:

Der Rootoler Michel (Bauer) - Heinrich Eigenbauer
Eva, seine Tochter - Karoline Kerschbaum
Baron Tibor Bornemissa - Franz Nika
Aladar, sein Sohn - Hans Jungwirth
Grundgeierhansl (Bauer) - Franz Rehling
Webersteffl (Bauer) - Josef Rehling
Peter, der Knecht - Alois Nika
Louise, die Magd - Gisi Ochsenhofer
Hauptmann von Vogelbach - Hans Brenner
Feldwebel - Josef Unger

Es wurde auch zumindest einmal, am Pfingstmontag 1924, in Reichls Anwesenheit aufgeführt: Reichl war einer von 80 Teilnehmern der "Burgenlandfahrt des Deutschen Schutzbundes", die vom Bahnhof Mogersdorf auf Leiterwagen durch Wallendorf und Deutsch-Minihof nach Heiligenkreuz fuhren, wo das Spiel im überdachten Hof eines örtlichen Gasthauses aufgeführt wurde. Die Darsteller, Ortseinwohner, großteils aus dem Bauernstand, "lebten vielfach geradezu in ihren Rollen", so befand der anwesende Grazer Geograph Robert Sieger. Das Stück thematisiere den Widerstand der Bauern gegen die Magyarisierung und erkläre zugleich "in launiger Weise die Haltung der Halben und Lauen". Am nächsten Tag zog der "Leiterwagenzug" weiter nach Güssing.

Reichl wurde in seinem Geburtsort besonders herzlich empfangen, und auf einem anlässlich dieses Besuchs entstandenen Gruppenfoto finden wir ihn zwischen Pater Leser und dem Güssinger Bürgermeister. Das hinderte die christlich-konservative "Güssinger Zeitung" jedoch keineswegs, die Reisegesellschaft einer berechtigten Kritik zu unterziehen: "Wenn wir uns die Arrangeure dieses Ausflugs ins Burgenland ansehen, so kommt es uns vor, dass der eigentliche Zweck desselben die Auffrischung, die Galvanisierung der verkrachten Großdeutschen Partei war." Ein christlichsozialer Funktionär sei "von den Arrangeuren, die mit sanftem Augenaufschlag beteuerten, das Ganze sei unpolitisch, dabei aber die blaue Kornblume im Knopfloch prangen hatten, in beleidigender Form behandelt" worden.

Bei aller Unklarheit über die exakte Lokalisierung von Reichls Geburtshaus steht eines außer Frage: Reichls Geburt in Güssing und seine bleibende Verbindung zu Güssing. Güssing gibt er in seinen autobiographischen Texten und auf seinem Meldezettel als Geburtsort an, und der erste Redner an seinem Grab war der damalige Güssinger Bürgermeister Fischl. Am 10. Dezember 1924 hatte man aus Wien an die Gemeindeobrigkeit von Güssing telegraphiert: "Josef Reichl tot, Begräbnis Freitag am 12. Dez. 1/2 4 Uhr, Wiener Zentralfriedhof." - "Auf diese Trauerkunde wurde am Stadthause die Trauerfahne gehisst, der Gemeindevorstand einberufen, der beschloss, in der Person des Herren Bürgermeister Fischl und Stefan Csacsinovits an dem Begräbnis teilzunehmen.", so schrieb die Güssinger Zeitung in ihrem Nachruf auf den Dichter. Kaum ein Monat zuvor, am 18. November 1924, hatte Reichl seine bis dahin erschienenen fünf Bücher der Gemeinde Güssing für ihr Archiv geschenkt - mit der Widmung "meinem Geburtsorte Güssing".

(2) Josef Reichls "Landflucht"

Von Josef Reichl sind uns zwei Werke mit dem Titel "Landflucht" überliefert: Das bekannte Gedicht "Laondflucht" - es wurde 1918 in die Sammlung "Hinta Pfluag und Aarn" aufgenommen - wurde erstmals 1911 veröffentlicht. Es beginnt mit den Worten:

Ollas rennt da Großstodt zua,
Ols warn nit scha Leut daot gnua,
De nix z' nogn und z' beißn hobn
Und lebendi sein bigrobn;

Der Dichter beklagt, dass immer mehr Menschen dem Land und der Landwirtschaft den Rücken kehren, weil sie sich von der Großstadt und der Arbeit in den Fabriken ein besseres Leben erhoffen. Etwa zur selben Zeit schreibt er in einem Aufsatz über das Raabtal, die älteren Leute würden sich dort erzählen, "dass es in den Sechziger Jahren als noch keine Eisenbahn durch das Tal pustete, besser war als heute. Es gingen noch nicht so viele junge Leute in die Fremde, das Fuhrwerk- und manches andere Geschäft standen in Blüte. St. Gotthard hatte noch keine Fabriken, aber auch nicht so viele bleiche Menschen, wie jetzt, die dort aus- und eingehen."

Durch seine Herkunft aus der landlosen Unterschicht hatte er eine sozusagen angeborene Hochachtung vor dem (ihm und seiner Familie nicht gegebenen) Rückhalt des Grundbesitzes, der Landwirtschaft, und die Arbeit des Landwirts ist oft Gegenstand seiner Gedichte, so auch des 1911 gedruckten "´s oagne Brot":

Selber ockern und eggn
Selber aobaun as Troad
Und is a d´ schwarst´ Orbat
Sao tuat´s oan nit load.
Selber fechsen und dreschen,
Und âft d´ Frucht selber mohln,
Dos tuat an kluagn Bauern
D´ Müah´ hundertfoch zohln.
Selber bochn schmeckt's Brot dann
G´wiß naomol sao guat,
Schmeckt besser ols dos, wos
Ma einkaafen tuat.
Ma schmeckt drin sein Fleiß grad,
Schmeckt drin sein oag'n Grund;
Der Herrgott hat´s g´segnt - drum
Macht´s stark und macht´s g´sund.

Man könnte sich fragen, warum da einer, der selbst in die Stadt gezogen ist, die "Landflucht" seiner Landsleute beklagt, die es ihm gleichtun wollen. Doch darf man wohl annehmen, dass er nur jene kritisiert, die das Landleben gegen ein schlechteres Stadtleben - gegen das der Fabriksarbeit - eintauschen. Für ihn hingegen, der ja aus der ländlichen Unterschicht stammte, war das Sesshaftwerden in der Stadt ein sozialer und wirtschaftlicher Aufstieg gewesen.

"Landflucht" - das Volksstück

Eine andere, heute nicht mehr gebräuchliche, Bedeutung hat das Wort "Landflucht" im Titel des 1924 in Druck erschienenen Volksstücks, in welchem Reichl "ein gestriges Schicksal der Bevölkerung des Burgenlandes zu einem dramatischen Gemälde verarbeitet" hat. Es bedeutet hier die fluchtartige, weil heimliche Auswanderung (nach Amerika). Auch in diesem Werk finden wir ein Detail, dessen Entstehung einige Jahre zurückreicht: das in die Schlussszene eingebettete Auswandererlied wurde schon 1911 unter dem Titel "Ungrische Auswaondrer" veröffentlicht. Und ein zentraler Teil der Handlung des Stücks, der Beinahe-Zusammenstoß des Heu führenden Stangl Motzl mit dem herrschaftlichen Vierspänner, geht offenbar auf ein persönliches Erlebnis von Reichl zurück. Dieses erwähnt er in einem kurz vor der Ödenburger Volksabstimmung veröffentlichten Artikel, in dem er - wohl angesichts der damals emotional ungemein aufgeheizten Stimmung - zu ungewöhnlich scharfen Formulierungen greift:

Wir Heinzen können mit freudigem Stolze bekennen, dass wir heute mehr deutsches Nationalgefühl besitzen als vor dem Kriege. Der ungarische Druck, der uns quälte, hat es selbst dahingebracht, daß wir uns immer mehr als Deutsche fühlen und kennen lernten und die Deutschen über der Grenze immer mehr als unsere einzigen Freunde lieben mussten. Die magyarische Staatskunst wollte uns gänzlich entnationalisieren und uns weltfremd auseinanderhalten - und hat, wie die Tatsachen heute zeigen - gerade das Gegenteil damit erreicht. Wie das Schlechte sich zum Schlusse immer selbst widerlegt. Ein schlichtes, friedliches, deutsches Mahnwort an uns Heinzen geht uns heute mehr zu Herzen, als wenn uns die ungarische Presse tagtäglich zu Tode droht, uns ein Herr Oberstuhlrichter "Kutya a német" ("Hundsdeutscher") flucht, uns einkerkert, wozu der Herr Notär, das widerlichste Dorfaas, und der gemeinste Judas seines Volkes, den Handlanger spielt. Wir Deutsche halten doch zusammen und bekennen uns zum Volke unseres Herzens. Der Ungar ist gewohnt, stolz auf dem Herrenross zu sitzen und mit der langen Peitsche durch die Felder zu reiten. Wer nicht seines Willens ist, wird unbarmherzig ans Kreuz geschlagen. Er ist der Herr im Lande und die anderen sind die Sklaven. Wir haben nie ein freundliches Wort von ihm empfangen. Wir waren immer die "Büdös" (Wild, stinkig), die "Bolond" (Närrisch) oder die "Taknyos a német" (Rotziger Deutscher). Es gab für uns keine andere Bezeichnung mehr! Wir litten es mit Schweigen - und da wir es litten, wurden die Herrschaften immer anmaßender und frecher, die Niedertracht unerträglich. Ich bin Zeuge gewesen, als vor Jahren auf der schmalen Landstraße in Neumarkt a.d. Raab der alte "Bierisch" (Ochsenknecht) Peter mit einer hohen Fuhre Heu dahergefahren kam und nicht rasch genug vor dem gräflichen Viergespann, das wie ein Blitz dahersauste, ausweichen konnte. "No hát, konnst du nicht ausweichen, wenn du den Grofen kommen siehst, marha ember teremtete!" (Rindvieh von Menschen) brüllte ihn der wilde Graf an. - "Oba, Herr Grof, i hätt´ jo d´ Fuhr in Grob´n inohig´schmiss´n (Hineingeschmissen), waonn i nao gacha ausg´wichan wär´", erlaubte sich der brave Peter seiner gräflichen Hoheit zu entgegnen. Da begannen dem alten Grafen die Zornadern anzuschwellen, die Augen zu glühen und er fing den armen Mann mit seinem "Fokos" (Ungarischer Nationalstock) zu bestürmen an, der sich aber noch rechtzeitig hinter seinem Wagen zu schützen wußte. Unter einem mächtigen Fluche rollte nachher das gräfliche Viergespann davon, während der gute Peter seine Ochsen nach heimwärts antrieb und leise mit ihnen schimpfte: "Seid´s oba blöde Luadan, kinnt´s denn nit aa glei af d´ Seiten gehn, waonn´s in Grofen daherkeman secht´s" - und dabei streifte er gemütlich seinem "Haondan" (Zu rechten Seite) mit der Peitsche eins über den Rücken. Viele solcher Schmähungen und Rohheiten gäbe es zu erzählen. Es kann nur sicher sein, daß nach solcher Vergangenheit, von den jüngsten Räuber- und Bandenschrecken überhaupt nichts zu erwähnen, wir Heinzen, von Furcht, Abscheu und Mißtrauen erfüllt, nicht länger mehr warten wollen, um uns an das deutsche Volk zu schließen und unser Heil nur in dieser Zukunft zu suchen!

Man könnte spekulieren, dass der hier erwähnte Bierisch Peter niemand anderer war als Reichls gleichnamiger Vater - beweisen lässt es sich allerdings nicht. Weniger emotional und mit zeitlicher Distanz hat die Lage der westungarischen Deutschen Karl Renner beschrieben, der dem Güssinger Land durch Heirat verbunden war. An seinen ersten Besuch in der Heimat seiner Frau (im Sommer 1894) erinnerte er sich später:
"Die Herrenschichte sprach magyarisch, verkehrte mit dem übrigen Volke nur von oben herab. Gerade in jener Zeit begann sich das Pachtverhältnis und die reine Geldwirtschaft durchzusetzen. Nunmehr wurden den Gutsarbeitern die Wohnungen und Stallungen beschränkt, die Acker- und Gartenparzellen auf dem schlechtesten Boden und in geringem Ausmaß zugewiesen, die Fruchtdeputate entweder gekürzt oder in Getreideabfällen ("Hinterkorn") ausgefolgt und der Barlohn keineswegs erhöht. Die Guts- und Staatsbürokratie übte dort Gewalt und verzehrte dort ihre Gehalte so wie etwa die Beherrscher in einer Kolonie, völlig von den Einheimischen abgesondert und an ihnen gar nicht interessiert." [gekürzt]

Es war in erster Linie die wirtschaftliche Not, die die Menschen zur Auswanderung trieb - das wird auch in Reichls "Landflucht" angesprochen. Als auslösendes Moment für die Emigration, oder vielmehr Flucht der Familie Stangl stellt Reichl jedoch den Konflikt mit dem Grafen in den Mittelpunkt des Stücks. Historisch betrachtet ist ein derartiges Auswanderungsmotiv nicht undenkbar, jedoch wohl als Sonderfall anzusehen. Die Zeit der Untertänigkeit ging 1848 zu Ende, aber ihre Schatten reichten weit ins 20. Jahrhundert hinein, und in feinen Nuancen sind sie sogar noch heute zu beobachten. Im Gedenkbuch eines Landwirtes und Tuchmachers aus dem einstmals Esterházyischen Marktflecken Lockenhaus heißt es über die Zeit vor 1848:
"Vor dem Jahr 1848 sind wir ganze Sklaven gewest, da hat man dem Fürsten roboten müssen; man hat ihm Wiesen mähen, schneiden, die Felder ackern und Dung führen müssen; die Trabanten sind den ganzen Tag mit Prügeln und Stecken vor die Leut gestanden und haben auf die Leute wie auf die Viecher herumgeschlagen; die Verwalter haben die Leute einsperren lassen, die Eisen anschlagen, auf die Bank legen und bis 12 Stockstreich haben sie können geben lassen, was sehr oft wegen geringer Ursach geschehen ist. Die selben Gesetze sind auch nicht gut gewesen und sollen bei Gott nicht mehr aufkommen."

Der das geschrieben hat, war Bauer, verfügte also über eigenen Grundbesitz, umso mehr können wir ermessen, wie erst die nicht-besitzende Schichte, der Reichl entstammte, von der Grundherrschaft abhängig war. Und was den wirtschaftlichen Aspekt dieser Abhängigkeit betraf, so änderte die Aufhebung der Untertänigkeit gerade für die Landarbeiter wenig. Ungerechte Behandlung durch den adeligen Arbeitgeber wurde wohl oft notgedrungen hingenommen. Bünker attestiert den Hianzen 1895 ein stark ausgeprägtes Gefühl für Recht und Gerechtigkeit:
"Jedem das Seine, aber mir auch das Meine, dieses Grundprincip lässt der Heanze in all seinen Handlungen erkennen und fordert es auch bei anderen ein. Ein heanzischer Bauer, dem von seinem Grundherrn Unrecht gethan worden war, sagte zu diesem: "Hea´ Gråf, wënn eana´ Feld a grëssa´ is´ wia maiñ´s, sou tuif is maiñs åba´ a".

Man könnte spekulieren, dass Reichl in "Landflucht" den einst wegen wirtschaftlicher Abhängigkeit nicht gesetzten Widerstandsakt gegen die ungerechte Behandlung seines Vaters gewissermaßen auf dem Papier nachgeholt hat. Ob aus Reichls Verwandtschaft jemand nach Amerika ausgewandert ist, ist zwar nicht bekannt, doch können wir angesichts der Intensität der Emigration im Jennersdorfer und Güssinger Bezirk getrost davon ausgehen. Immerhin hat ihn die Thematik schon 1911 so sehr beschäftigt, dass er - wie bereits erwähnt - das Gedicht "Ungrische Auswaondrer" verfasst hat. Josef Graf Mailáth schrieb schon 1901, in den letzten 25 Jahren seien ungefähr 500.000 Menschen aus Ungarn ausgewandert. In Vorwegnahme der heute gebräuchlichen Terminologie der "push"- und "pull"-Faktoren spricht er bereits von "anziehenden" und "abstoßenden" Gründen für die Auswanderung:
"Die Hauptgründe sind kurz folgende: die allgemeine Verarmung, die drückenden wirthschaftlichen Verhältnisse im Lande, diesen gegenüber die Aussicht leichteren Fortkommens in der Fremde, besser gesagt, die fieberhaft gesteigerte Sehnsucht nach einem besseren Lose, das Derjenige empfindet, welcher darbt und leidet; die unrichtige Vertheilung des Besitzes, der Mangel des Besitzminimums, die Verlassenheit des Volkes, indem es habsüchtigen Wucherern schutzlos überliefert ist; die Verlockungen der Agenten, die Neugierde, die Sehnsucht nach dem Unbekannten." [gekürzt]

All das finden wir auch in Reichls "Landflucht": Die Armut der besitzlosen Familie des Bierisch Stangl, die wirtschaftlich völlig von der Herrschaft abhängt: Auf die schlecht bezahlte Tagwerksarbeit ist sie ebenso angewiesen wie auf das "Stückal Pochtgrund van Grofn". Überhaupt kommt die gräfliche Familie in "Landflucht" gar nicht gut weg. Der alte Graf geht mit dem "Fokos" auf seinen Knecht los, nur weil dieser mit seiner Fuhre Heu nicht rechtzeitig der herrschaftlichen Kutsche ausweichen kann, und der junge Graf stellt der Tochter des Knechts nach. Sicherlich ist dies eine überspitzte dichterische Darstellung, aber sie hat natürlich auch ihren wahren Kern. Reichls persönliches Erlebnis der ungerechten Behandlung eines Bierisch - vielleicht gar seines Vaters - durch den Grafen wurde schon erwähnt. Und ein durch Mathes Nitsch überlieferter alter Kinderreim soll hier ebenfalls genannt werden:

Schlof, Kindel, schlof!
Dei Vada is a Grof,
Dei Muida is an oarmi Diarn,
Muis Toch und Nocht das Kindal wiagn.
Schlof, Kindal, schlof!

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass es wie in anderen Gegenden auch in unserer Region besonders hochherzige und menschenfreundliche Vertreter des ungarischen Adels gegeben hat, denen die Darstellung ihrer Standesgenossen in der "Landflucht" in keiner Weise gerecht wird. Man denke etwa an den Arzt Dr. Ladislaus Fürst Batthyány-Strattmann, der Tausende von Patienten unentgeltlich behandelt hat, oder an den (zum nicht geringen Ärger seiner Erben) besonders freigebigen Rotenturmer Grafen Julius Erdödy. 1928 druckte die Oberwarther Sonntags-Zeitung ein in wehmütiger Erinnerung an ihn verfasstes Gedicht:

Oldi Leit and kloani Pujm
Singend heut in Raodentujn:
"Fruj and Abend tat i beten,
Wann mer'n Grafen Julo hätten,
Inser Väoder, inser Herr,
Saonean kriag mer nia net mehr!"
War's a Steyrer ober a Hiänz,
War's herent ober drenten der Grenz,
Auf des hat er nia net denkt,
Mit beiden Händen hat er g'schenkt.
Fer die vülln armen Leut
Und fer d' Jager war's a Freud.
Hja dazumal! Und heut?
Andre G'sichter, andre Leit!
Pfiat di Gott, du alte Zeit!

Von den bei Mailáth genannten Auswanderungsgründen finden wir in den Versprechungen des Max Blumenthal auch die "Verlockungen der Agenten" wieder, und die habsüchtigen Wucherer treten uns in der Gestalt von Lainkauf Ferenz und Schauer Wilhelm entgegen, wobei sich der hianzische Händler Schauer in nichts vom jüdischen Lainkauf unterscheidet. Reichl ist offenbar nicht mehr dem Stereotyp des jüdischen Wucherers verhaftet. Dass er diesbezüglich eine Entwicklung durchgemacht hat, zeigt ein Vergleich der letzten Strophe des Auswandererlieds mit ihrer Erstfassung aus dem Jahr 1911 (links die alte Version):
 

Olls waondert übers Wossa, Olls waondert übers Wossa,
Drao seids na Schuld ös Prossa, drao seids na Schuld ös Prossa,
Von Judn und Odlstaond, van Geld und Odlstaond,
O ormes Ungarlaond! o, ormes Heanznlaond!

Mailáth vertritt die für seine Zeit bemerkenswerte Ansicht, "daß der arme Auswanderer kein glücklicheres Vaterland, sondern nur ein leichteres Fortkommen sucht", und er hält ihn "nicht allein für keinen Abtrünnigen, der die Heimat treulos verläßt, sondern unter den heutigen Verhältnissen für ein zu bemitleidendes Individuum. Denn er geht ja meist im Geheimen und furchtsam fort, einestheils wegen der meist unbegründeten Schärfe unserer Behörden, anderntheils wegen der strengen Verfügungen, welche die Vereinigten Staaten gegen unsere Auswanderer in´s Leben riefen."

Die Aussicht auf das "leichtere Fortkommen" war zu jener Zeit schon allein durch die Berichte der bereits Ausgewanderten vorhanden. Eine oststeirische Zeitung schreibt 1903 angesichts des Auswanderungsfiebers, das im benachbarten Ungarn furchtbar grassiere, die Menschen jenseits der Lafnitz hätten das Vertrauen in ihre Heimat verloren. "Aus den Österreichgehern sind Amerikawanderer geworden." Eine zwischen Buchschachen und Allhau am Ackerrain sitzende alte Frau antwortet auf die Frage, warum die Äcker hier alle nur fünf bis sieben Schritte breit seien: "Die Kinder müssen teilen ..." - und auf den Einwurf, auf diese Art würde ja schon der "Bifing" zum Acker: "In Riedlingsdorf ist´s eh schon so."
"Die Kinder teilen, so lange es geht. Und für die nichts mehr zum Teilen bleibt, die wandern aus. So ziehen tausende fort nach Amerika. Der Wirtssohn von Buchschachen bekommt täglich 2 Dollar und zahlt wöchentlich für Wohnung, Kost und Wäsche 9 fl 40 kr, bleiben ihm also immerhin für die anderen Bedürfnisse per Woche 15 fl. Daheim erhält er zum Schnitt 50 kr, sonst 30 kr mit Kost per Tag."

Schließlich noch ein Wort zu dem von Reichl erwähnten Auswanderungsgesetz: 1905 schreibt Graf Mailáth, dieses sei vor drei Jahren ins Leben getreten, es stelle die Auswanderer unter eine strengere Kontrolle und verfolge die zur Auswanderung verleitenden Agenten. Seinen praktischen Wert für die Auswanderer sehe er darin, "dass sich die Regierung, welche früher diese Unglücklichen sich selbst überließ, fortan um ihr Schicksal kümmert und sie wenigstens unterwegs gegen Ausbeutung und Mißbräuche schützt. Zu diesem Behufe hat die Regierung mit der englischen Schiffahrtsgesellschaft "Cunard-Line" einen Vertrag geschlossen." Das Gesetz gestatte folglich nur den Agenten der "Cunard-Line" den Verkehr mit den Auswanderern, doch würden diese für die Provision genau wie ihre Vorgänger das Volk zur Emigration zu verleiten suchen. In der Tat, seit das Gesetz in Wirksamkeit sei, hätte die Auswanderung in erschreckendem Maße zugenommen. Die heimliche Auswanderung unter dem Deckmantel einer Wallfahrt, wie in "Landflucht" geschildert, hat es tatsächlich gegeben. 1910 berichtet die Oberwarther Sonntags-Zeitung:

"Auswanderer als Wallfahrer verkleidet. Bisher war ein Theil der Bevölkerung des Németujvárer [= Güssinger] Bezirkes gewohnt, im Frühjahr nach Oesterreich zu ziehen, da sie dort zu Feldarbeiten Gelegenheit hatten. Heuer werden sie aber von der Grenzpolizei, die zur Verhinderung der Auswanderung aufgestellt wurde, an der Grenze nicht mehr durchgelassen. Die Grenzgendarmen wurden nun in der Weise getäuscht, dass sich eine Auswanderergesellschaft als Wallfahrer ausgab. Ein Auswanderer kleidete sich als Priester und ein anderer als Kantor und mit einer Prozessionsfahne an der Spitze und fromme Psalmen singend zogen 80 Personen vor den Augen der Gendarmerie über die Grenze. Vom nächsten Ort schickten sie dann die Priesterkleider ujnd die Fahne an die Polizei zurück, die von nun an wahrscheinlich keine Prozession mehr unbehelligt passiren lassen wird."

"Landflucht"-Aufführungen 1924 - 2000

Kurz vor Reichls Tod, am 27. November 1924, wurde "Landflucht" im Fünfhauser Volkstheater uraufgeführt: Rolf Werner gab den Stangl Motzl, Maria Spelak dessen Frau Leni, Willi Hummer den Sohn Friedl, Otto Kammauf den Agenten Max Blumenthal. "Die Aufnahme des Stückes war eine geradezu stürmische. Immer wieder musste der Verfasser vor dem Vorhang erscheinen", schrieb Hans Ambroschitz; es sei ein "getreues Spiegelbild der sozialen und nationalen Verhältnisse in des Dichters Heimat", und "reich an packenden Szenen, an spannenden Momenten, an äußerst bühnenwirksamen Bildern. [...] Gespielt wurde ziemlich gut.". Es gab jedoch auch andere Meinungen:
"Die Aufführung ließ zu wünschen übrig. Die Rollen waren zu wenig durchgearbeitet und es hätte das Stück anläßlich seiner Erstaufführung einen anderen Wiegenort, als das Fünfhauser Volkstheater, verdient. Das Haus selbst, das schön besetzt war - zum Großteile von Burgenländlern - spendete reichen Beifall, für den sich der anwesende Verfasser einige Male bedanken musste.[...] Der magyarische Druck vereint mit der vor der Angliederung an Deutschösterreich im Lande herrschenden wirtschaftlichen Not trieben oft zur Auswanderung der Heinzen und dieses Thema beschäftigt den Dichter. Manches, was er dabei sagen will, deutet er wohl nur an;"

Reichls Freund Oskar Hubicki schrieb:
"Fünfhauser Volksbühne. Da draußen in Fünfhaus wird auch Theater gespielt. Jeden Donnerstag unter der Direktion Angely-Geyer. In der Vorwoche gelangte im Rahmen eines Einakterabends Josef Reichls heinzisches Volksstück "Landflucht" zur Aufführung. Der beliebte Heinzendichter entrollt in rascher Szenenfolge ein Bild bäuerlichen Lebens im Burgenland zu Ende des vorigen Jahrhunderts, wo die von den ungarischen Grundherren in halber Leibeigenschaft gehaltene Bevölkerung sich der Ausbeutung und Misshandlung durch die Auswanderung nach Amerika entzog. Die innige Heimatsliebe des Dichters, sein tiefes Verständnis für Land und Leute hatten an dem Werke starken Anteil, dessen Aufführung bei dem zahlreichen Publikum stürmischen Beifall fand. Die Mehrzahl der in Wien lebenden Burgenländer war anwesend und rief den Dichter immer wieder vor den Vorhang."

Von späteren "Landflucht"-Aufführungen ist nicht viel bekannt. Eine für Silvester 1924 in Heiligenkreuz im Lafnitztal vorgesehene wurde auf 11. Jänner 1925 verschoben. Ob sie dann tatsächlich stattgefunden hat, konnte nicht festgestellt werden. Verbürgt ist eine Aufführung am 27. November 1927, auf den Tag genau drei Jahre nach der Erstaufführung. Sie fand im Rahmen eines Burgenländischen Theater- und Vortragsnachmittags statt, der von der Landsmannschaft der Burgenländer in Wien gemeinsam mit der Ortsgruppe der Burgenländer in Wien des Deutschen Schulvereins "Südmark" veranstaltet wurde. Im Theatersaal des Lehrerhausvereines konnte "dem großen Andrang von Einlasssuchenden bei der beschränkten Anzahl von Sitzen nicht entsprochen werden, so dass viele derselben umkehren mussten."
"Obmann Seywerth bot sich das Vergnügen, nicht nur ein ausverkauftes Haus, sondern, was hiebei ganz besonders ins Gewicht fällt, auch die Ehre, unter den zahlreich erschienenen Ehrengästen namentlich zu begrüßen: In Vertretung des deutschen a.o. Gesandten Hugo Graf Lerchenfeld-Höfering Legationsrat Lesner; die Witwe nach unserem Heimatsdichter Josef Reichl sowie dessen Sohn Dr. Kurt samt Gemahlin; den Altobmann des Vereines zur Erhaltung des Deutschtums in Ungarn, Fabrikant Breitenstein; Abordnungen der Vereine der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben; der Heimatgruppe Fulnek des Sudetendeutschen Heimatbundes; der Burgenländischen Studentenkorporationen und andere mehr. Das von dem Ensemble des Wiener Bühnenklubs meisterhaft in Szene gesetzte Stück "Die Landflucht" von Josef Reichl (die erste Aufführung seit des Autors Tod) fand stürmischen Beifall. Mit durchschlagendem Erfolg wurden die folgenden Einakter "Der große Filmstar" und "Die Millionenerbschaft" von J. und H. Umlauf-Neudorfer in ihrer Uraufführung zur Vorführung gebracht, während die Musikkapelle Weißmayer die Zwischenpausen durch ihr treffliches, zu Gehör gehendes Spiel ausfüllte. Reichen Beifall erntete auch Ing. H. Schlagradl mit dem Vortrag der vertonten Gedichte "Der Apfelbaum" und "Es wor ja nur vasprochen" von Josef Reichl, zur Gitarre."

Der 50. Todestag von Reichl war Anlass zur Gründung des zweiten "Josef Reichl-Bundes". Im Rahmen der ersten von diesem Verein veranstalteten "Güssinger Begegnung" wurde am 18. September 1974 Reichls "Landflucht" von der Spielgruppe St. Martin wieder aufgeführt.

Und anlässlich der 75. Wiederkehr von Reichls Ableben wurde "Landflucht" von den Güssinger Burgspielen für 1999 ins Programm genommen. Ursprünglich war ein Wettbewerb mit der Themenvorgabe "Amerika - hin und retour ..." ausgeschrieben worden, jedoch wurde letztendlich kein erster Preis vergeben. Burgschauspieler Frank Hoffmann, den man erstmals für die künstlerische Leitung gewinnen konnte, entschied sich nach reiflicher Überlegung für Reichls "Landflucht". Dies war, wie sich alsbald zeigte, eine gute Wahl. Hoffmann schreckte vor der für ihn nicht geringen sprachlichen Barriere des Hianzischen nicht zurück, ging mit großem Engagement ans Werk und konnte das Ensemble zu schauspielerischen Höchstleistungen motivieren. Unter dem Eindruck der Flüchtlingsnot im Kosovo, die während der Proben medial allgegenwärtig war, fiel das Ende des Stückes in Hoffmanns Inszenierung um einiges dramatischer aus als in Reichls Text. Sein Wunsch nach einer modernen Ergänzung des kurzen Reichl-Stücks hat sich auch deshalb als glücklich erwiesen, denn nach der tragisch-traurigen "Landflucht" war das Publikum sichtlich empfänglich für den auf humorvolle Weise moralisierenden Epilog "Der Amerikaner" des jungen Pinkafelders Christian Putz. Bedingt durch den großen Erfolg - die Zuschauerzahlen konnten gegenüber der Vorsaison verdoppelt werden - werden die Güssinger Burgspiele auch im Jahr 2000 "Landflucht" aufführen.

(3) Der erste "Josef Reichl-Bund" (1925-1939)

Der 1925 gegründete "Josef Reichl-Bund" verschwand nach einigen Jahren so sang- und klanglos von der Bildfläche, dass Jahrzehnte danach sogar die Tatsache seiner Gründung in Abrede gestellt wurde: Sowohl Margit Pflagner als auch Franz Probst schreiben dezidiert, dass es nie dazu gekommen ist. Grund genug, sich mit der Geschichte dieses Vereins auseinanderzusetzen:

Die Gründungsversammlung fand am 15. Februar 1925 im Festsaal des Deutschen Schulvereines (VIII. Fuhrmannsgasse 18) statt, im Anschluss an eine Trauerfeier für den Dichter, zu der mehrere landsmännische Vereine und die Schriftleitung des "Freien Burgenländer" eingeladen hatten. Kammerrat Hermann Kandl hielt eine Gedenkrede, der Schriftsteller Dr. Ernst Haeckel trug einige Gedichte vor, Hans Schlagradl und Fräulein Eckstein-Steiner sangen von Robert Alois Mayer und Kamillo Horn vertonte Gedichte Reichls. In der folgenden Gründungsversammlung nahm Gutsbesitzer Karl Wollinger die Begrüßung vor, ehe Hans Ambroschitz, Hauptschriftleiter des "Freien Burgenländer", die vorläufigen Satzungen des Vereins verlas. Als Funktionäre wurden gewählt: Karl Wollinger und Hermann Kandl als Obmänner, Josef Patry und der Güssinger Bürgermeister Fischl zu deren Stellvertretern, Hans Ambroschitz zum Schriftführer, Karl Janetschek zu dessen Stellvertreter, Bürgerschuldirektor Alois Herdegen zum Zahlmeister, etc. Wohl um die Überparteilichkeit zu betonen, wurden zu Ehrenpräsidenten gewählt: Nationalratspräsident Dr. Franz Dinghofer, Landeshauptmann Josef Rauhofer, dessen Stellvertreter Ludwig Leser, sowie Landtagsabgeordneter Michael Gesell. Im Verlag des in Gründung befindlichen Vereines war bereits ein Josef Reichl-Bild erschienen, das für 10.000 Kronen pro Stück verkauft wurde.

Die Vereinsadresse war mit jener des "Freien Burgenländer" (VIII. Josefsgasse 4) identisch. Als Proponenten schickten Hans Ambroschitz (X. Erlachgasse 87) und Hermann Kandl (XVI. Thaliastraße 4) am 21. Februar 1925 die vorläufigen Satzungen an die Magistratsabteilung 49 und ersuchten um Genehmigung. Die Nicht-Untersagung erfolgte am 6. April 1925. Hier ein Auszug aus den Satzungen:

§ 1 Sitz: derzeit in


§ 2 Zweck: Pflege des Andenkens des verstorbenen Josef Reichl
§ 3 Aufgaben:
a) Ueberführung des Leichnams von Josef Reichl
b) Herausgabe und Verbreitung seiner Schriften
c) Veranstaltung von Vorträgen und Vorlesungen aus seinem Werk
d) Beteilung der burgenländischen Schul- und Volksbüchereien mit seinen Werken
e) Herausgabe eines Josef Reichl-Bildes
f) Herausgabe einer Josef Reichl-Plakette
g) Errichtung eines Denkmals im Burgenland
h) Anbringung einer Gedenktafel an seinem Sterbehaus
i) Förderung des heinzischen Schrifttums im Allgemeinen
§ 4 Mitgliedschaft:
§ 5 Ehrenmitglieder
§ 6 Gründer (150 Schilling, einmalig oder in zehn Jahresraten)
§ 7 Stifter (100 Schilling, detto)
§ 8 Förderer (50 Schilling, detto)
§ 9 Ordentliche Mitglieder (2 Schilling pro Jahr)
§10 Körperschaftliche Mitglieder (5 Schilling pro Jahr)
§11 Einzelmitglied kann jeder Deutsche werden, der das 20. Lebensjahr erreicht hat.
§16 Dem geschäftsführenden Vorstand gehören an:
a) 2 Obmänner (von der Vollversammlung zu wählen)
b) 1 Schriftführer (detto)
c) 1 Zahlmeister (detto)
d) ein Vertreter der Familie Reichl
e) ein Vertreter der burgenländischen Landesregierung
f) der Landesreferent des burgenländischen Volksbildungswesens in Sauerbrunn
g) ein Vertreter des Volksbildungsvereines in Sauerbrunn
h) ein Vertreter des Vöb (Vereinigung bodenständiger Burgenländer im öffentlichen Dienst)
i) ein Vertreter der Stadtgemeinde Güssing
j) ein Vertreter der Gemeinde St. Martin an der Raab
k) ein Vertreter der Gemeinde Neumarkt an der Raab
l) ein Vertreter des Vereins der Burgenländer in Wien
m) ein Vertreter der Vereinigung der deutschen Hochschüler aus dem Burgenland in Wien
n) ein Vertreter des Eisenstädter Schlaraffenreiches "Ferrostatia"
o) ein Vertreter des Männergesangsvereins "Deutsche Eiche" in Tatzmannsdorf
p) ein Vertreter der Wiener Gruppe der Hauptleitung der Südmark
q) ein Vertreter des Deutschen Schulvereins in Wien
r) ein Vertreter der Bundesgruppe der Burgenländer in Wien des Deutschen Schulvereins (vormals "Heinzenland")
s) ein Vertreter des Reichsbundes der deutschen Mundartdichter
t) ein Vertreter der D.OE. Schriftstellergenossenschaft in Wien
u) ein Vertreter der Schriftleitung des "Freien Burgenländer"
v) 10 bis 20 von der Vollversammlung zu wählende Mitglieder
§42 bei Auflösung geht das Vermögen an den Burgenländischen Volksbildungsverein in Sauerbrunn

Gelegentlich einer Vorstandssitzung wurde am 22. November 1925 ein Kassastand von 641 Schilling 22 Groschen konstatiert. Genug, um Reichl-Bücher für burgenländische Schulen anzukaufen und das Projekt der Gedenktafel in Angriff zu nehmen: Mit Schreiben vom 17. Dezember 1925 wurde der akademische Bildhauer Rusch mit der Anfertigung betraut, der Bronzeguss erfolgte durch Ingenieur Lhotka. Am 20. Februar 1926 wurde im Glaspalast (am Opernring beim Goethe-Denkmal) die Sonderausstellung des Österreichischen Künstlerbundes "Das Burgenland" eröffnet. Bildhauer Rusch präsentierte hier schon die Sterbehausgedenktafel, und angesichts derselben ließ sich Bundespräsident Hainisch bei seinem Besuch über Josef Reichl berichten. Der hohe Herr war wohl ein besonderer Freund unseres Landes, denn gelegentlich eines im September d.J. erfolgenden Trachtenfestzuges in Wien ließ er sich das Burgenlandquartett der Staatsoper (die Herren Davy, Maywald, Thurzo und Zeidler hatten Reichls "Hoamweh" intoniert) vorstellen. Damit nicht genug, trank der sonst abstinente Bundespräsident sogar ein Glas Mörbischer Wein.

Vereinssitz war zunächst die Gastwirtschaft Hermann Bauer (VIII. Laudongasse 12), wo jeden ersten Mittwoch im Monat eine Vorstandssitzung stattfand. "Jeder Burgenländer und jeder Freund des Burgenlandes sollte beitreten", empfahl der "Freie Burgenländer" Anfang 1926. Am 29. Mai wurde in Wieharts Gastwirtschaft (VIII. Kochgasse 24) die für den 20. Juni geplante Gedenktafelenthüllung an Reichls Wohnhaus besprochen. Im Anschluss an diese Feier kam es dann zur ersten ordentlichen Hauptversammlung in der Gastwirtschaft "Raimundhof" (VI. Strohmayergasse 13). Die Satzung wurde dahingehend geändert, dass die Gründung von Ortsgruppen (im Burgenland) ermöglicht wurde. Neu in den Vorstand gewählt wurden Robert Davy, Gastwirt Josef Mühlndorfer, Thomas Polz und Landesschulinspektor Adolf Parr. Gleichzeitig wurde die nächste Vorstandssitzung schon für den 30. Juni in der Gastwirtschaft Bauer anberaumt.

Am zweiten Todestag Reichls besuchte - wie schon ein Jahr zuvor - eine Delegation des Vereins sein Grab und legte dort einen Kranz nieder. Am 20. Oktober 1926 war im Kaufhaus "Herzmansky" die Werbeschau "Burgenland im Bilde" eröffnet worden. Bis kurz vor Jahresende hatte man über 60.000 Besucher gezählt, und neben mehreren hundert Burgenland-Führern über 700 Reichl-Bändchen verkauft.

Im folgenden Jahr verlor der Reichl-Bund eines seiner wohl engagiertesten Mitglieder im Burgenland: Rosa Werner aus St. Martin an der Raab. Zu Reichls Begräbnis hatte sie "heimatliche Erde aus dem Burgenlande" mitgebracht, und in ihrer Heimatgemeinde und deren Umgebung zahlreiche Mitglieder für den Verein gewonnen. "Auch einen Großteil der in St. Martin notwendigen Vorarbeiten für die Ueberführung dessen, was an Josef Reichl sterblich ist, nach St. Martin, führte sie durch", lesen wir im Nachruf des "Freien Burgenländer". Im Sommer 1926 erkrankt, war sie nach einer Operation in Trübsinn verfallen. Schließlich suchte sie den Freitod und fand ihn in den Fluten der Raab, am 8. März 1927.

Langsam, so scheint es, schwand die Tätigkeit des Vereins, und von Reichl hört man nur mehr am Rande anderer landsmannschaftlicher Aktivitäten. Der "Verein der Burgenländer in Wien", seit Anfang 1927 mit dem umtriebigen Robert Davy als Obmann, trat stärker in den Mittelpunkt. Staatsopernsänger Davy war der Sohn des gleichnamigen ersten Landesverwalters und solcherart dem Burgenland verbunden. Am 3. April wurde gelegentlich eines "Burgenland-Nachmittags" sein Komödien-Einakter "´s Blochziegn" aufgeführt, ein gemischter Chor intonierte Reichls von Davy vertontes "Hoamweh", und Schulinspektor Josef Kath hielt einen Vortrag mit dem Titel "Josef Reichl, der Dichter der Heanzen".

Am 1. November 1927 war Burgenland-Tag in der Wiener Urania: Prof. Max Stebich referierte über "Land, Lied und Brauch bei den Heinzen und Heidebauern", und nebst einigen Lichtbildern von Prof. Kollmann waren die Kurzfilme "Der Neusiedlersee", "Morgen im Dorfe" und "Pastorale" (über das Hirtenleben) zu sehen. Für das Rahmenprogramm in Form von Gesang und Tanz sorgte einmal mehr Robert Davy, der unter anderem wieder das von ihm vertonte "Hoamweh" zum Besten gab. Im April 1928 besuchte eine Delegation des "Vereines der Burgenländer in Wien" aus Anlass des vierten Todestages von Landesverwalter Dr. Robert Davy dessen Grab am Wiener Zentralfriedhof, und im Anschluss daran das in nächster Nähe gelegenen Grab von Josef Reichl.

Als im Mai 1928 die neue Vereinsfahne des "Vereins der Burgenländer in Wien" geweiht wurde, saßen Reichls Witwe und Sohn im Ehrenausschuss. Robert Davy hielt eine Ansprache, und beim festlichen Umzug repräsentierten schon "der kleine Bob Davy und die kleine Fetty, beide in herziger Oberschützener Tracht" die nächste Generation. Beim "Burgenländer-Festkommers" am 21. Juli 1928 in den "Rosensälen" des gebürtigen Allhauers Johann Hoffmann in Wien-Favoriten lauschten unter anderem Reichls Witwe und ihre Schwester einigen vertonten Reichl-Gedichten, z.B. "D' hianzischen Diandl" von Heinrich Eigenbauer, "Mei Hoamat" von Hans Fellner und natürlich wieder einmal "Hoamweh" von Robert Davy. An Reichls Todestag fand sich eine Abordnung des "Vereins der Burgenländer in Wien" samt Fahne an seinem Grab zur Kranzniederlegung ein. Vom "Josef Reichl-Bund" liest man nichts mehr, obwohl Hans Ambroschitz noch im Aprilheft der Burgenland-Vierteljahrshefte um neue Mitglieder geworben hatte.

Anfang 1929 übersiedelte Ambroschitz, der im Reichl-Bund sicherlich eine zentrale Rolle spielte, nach Graz, wo der "Freie Burgenländer" fortan im Bergland-Verlag erschien. In Wien erschien indessen Josef Reichls "Hoamweh" als Männerchor (vertont von Robert Davy) im Selbstverlag des "Vereins der Burgenländer in Wien". Im Dezember kündigte Ambroschitz an, demnächst werde eine Generalversammlung des "Josef Reichl-Bundes" erfolgen. Davon ist allerdings in der Folge nichts zu lesen, nur von einer Kranzniederlegung des Reichl-Bundes am Grabe des Dichters an dessen fünftem Todestag.

Hans Ambroschitz scheint sich anderen Aktivitäten zugewandt zu haben, denn im Februar finden wir ihn als einen der Gründer des "Vereins der Burgenländer in Graz". Dazu kommt noch, dass er aufgrund des politischen Schwenks des Bergland-Verlags zum Landbund den "Freien Burgenländer" verließ und wieder eine eigene Wochenzeitung gründete: Die erste Nummer der "Burgenland-Wacht" erschien am 11. Mai 1930, eineinhalb Monate vor seinem 40. Geburtstag. Auch in der "Burgenland-Wacht" begegnen wir Josef Reichl wieder: Am 27. Juli 1930 wird Hans Levars auch als Sonderdruck erschienener Aufsatz "Josef Reichl. Des Dichters Heimat, sein Leben und Werk." vorgestellt. Schon im "Freien Burgenländer" hat Ambroschitz gelegentlich unveröffentlichte Gedichte von Josef Reichl abgedruckt, und Ende 1930 findet man auch in seiner neuen Zeitung ein Werk aus Reichls Nachlass:

Tram.

Aus dem bisher unveröffentlichten Nachlasse unseres Heimatdichters.

Umandum am We' in d' Hoamat
Worn ma d' schönsten Rosen gstraat,
Leicht wia vo'nan seidnan Tüachl
Hot a lauworms Lüfterl gwaht.
Freundli wia waon nia a Wulkerl
Mochat mehr den Himöl triab -
Sein ma d' Leut entgegn von Weiten
Oll sao herzli, oll sao liab.
Und voraon mei liabs, guats Muatal
Lochender vur Freuden ebn -
Und hod gstreichelt mi und busselt
Gnau a sao wia oanst im Lebn!

Josef Reichl


Ambroschitz stand also offensichtlich in Kontakt mit Reichls Sohn Kurt, dem Besitzer und Verwalter des Nachlasses, der in seinen Zeitungen auch immer wieder inserierte, z.B. mit dem Text: "Die besten Hüte erhalten Sie im Hutgeschäft Josef Reichls Sohn. Wien, XV. Sechshauserstr. 2." (Er führte das Geschäft bis circa 1932 weiter.) Hans Ambroschitz und Dr. Kurt Reichl waren auch an der Organisation der von 5. bis 26. November 1931 in Wien stattfindenden "Burgenland-Wochen in Wien" (Anlass war das 10-jährige Bestehen des Burgenlandes) beteiligt. Zu dessen Vorbereitung und Durchführung hatten sechs Wiener und zwei Grazer Burgenländer-Vereine die "Arbeitsgemeinschaft der Burgenländer in Wien" gegründet. Reichl war 2. Vorsitzender, Ambroschitz Vorstandsmitglied.

Die Kranzniederlegung im Dezember 1929 ist jedoch die letzte medial erwähnte Aktivität des Reichl-Bundes, die bisher gefunden werden konnte. Der Verein stellte wohl spätestens im Laufe der Dreißiger-Jahre jegliche Tätigkeit ein, ehe er durch den Anschluss Österreichs an Deutschland in die Mühlen der Bürokratie geriet und aufgelöst wurde: Die staatliche Verwaltung des Reichsgaues Wien unterstellte mit Schreiben vom 19. Mai 1939 an den Josef Reichl-Bund, z.H. Alois Herdegen, den Verein "der Aufsicht des zuständigen Hoheitsträgers der NSDAP", verlangte 10 Reichsmark an Verwaltungsgebühr, und verfügte eine Änderung der Satzungen: Man habe innerhalb des Vereins das Arier- und Führerprinzip einzuführen, die Bestellung des Vereinsführers und seiner Mitarbeiter sei abhängig zu machen von der schriftlichen Zustimmung des zuständigen Hoheitsträgers der NSDAP, und der Verein habe sich dessen Aufsicht zu unterstellen.

Dem Akt liegt ein Antwortschreiben vom 3. Juli 1939 bei, unterfertigt von "Lehrer i.R. Prof. Josef Patry, zuletzt Obmannstellvertr. des Josef Reichlbundes" und "Schulrat Alois Herdegen, Hauptschuldirektor i.R., letzter Zahlmeister, Wien 107, Klopstockg. 31", in der Handschrift von Josef Patry: Als "letzte Amtswalter des Josef Reichlbundes" geben sie die Überweisung der Verwaltungsgebühr bekannt und teilen mit, dass sie
"den Verein, der schon vor mehr als 10 Jahren seine Tätigkeit eingestellt hat, d.h. keine Beiträge mehr eingehoben hat, nicht wieder aufleben lassen wollen, weil das Ziel, das Hauptbestreben des Vereines, die Drucklegung der Lebensgeschichte Reichls nicht mehr verwirklicht werden kann. Reichls Sohn, Dr. Kurt Reichl, der die wichtigsten Urkunden und Behelfe besitzt, ist verschollen. Josef Reichls Witwe und deren Schwester, die bisher für die Erhaltung seiner Grabstätte sorgten, sind tot. Das Grab ist völlig verwahrlost. Aus diesem Grunde ersuchen wir um Freigabe des Vereinsvermögens, bestehend aus einem Guthaben in der Postsparkasse im Betrag von S [Anm.: kein Betrag eingesetzt], sage [Anm.: kein Betrag eingesetzt] Wir ersuchen, den Betrag nicht etwa uns, sondern der Verwaltung des Wiener Zentralfriedhofes zu überweisen, welche die Betreuung der Grabstätte übernehmen soll. Gleichzeitig teilen wir mit, dass wir uns bemühen werden, die sterblichen Überreste des burgenländischen Dichters Josef Reichl, der uns ein lieber Freund war, seinem Wunsche gemäß auf dem Gottesacker seines Geburtsortes St. Martin an der Raab mit Hilfe der steierischen Gauleitung bestatten zu lassen."

Mit Antwortschreiben vom 15. September 1939 wird Herdegen mitgeteilt, dass "die Löschung des Vereines aus dem Vereinsregister angeordnet wurde. Bezüglich der Freigabe und Verfügung über das Vereinsvermögen ist ausschließlich der Stillhaltekommissar, Wien, 1., An der Hülben 4, zuständig. Sie werden daher gebeten, Sich für den Fall, dass die Konten noch gesperrt sein sollten, dorthin zu wenden."

Fünfzehn Jahre später, im Jahr 1954, sollte Reichls Grab aufgelassen werden. Dies wurde jedoch von der Burgenländer Landsmannschaft in Wien verhindert, die in einer Vorstandssitzung die Erwerbung und Erhaltung des Grabes beschloss.
 

Dieser Aufsatz ist im Juni 2000 - mit sämtlichen (in der Internet-Version nicht enthaltenen) Quellenangaben - im Jubiläumsband des "Josef Reichl-Bundes" erschienen. Der Band kann um 140 Schilling beim Josef Reichl-Bund (Stremtalstraße 2, 7540 Güssing) bestellt werden.

Mit freundlicher Genehmigung von (c) Albert Schuch 1999-2000