|
Debrecen (deutsch Debreczin, rumänisch Debreţin), der
Komitatssitz des Komitats Hajdú-Bihar, liegt im Osten von Ungarn etwa 50
Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt.
Die Fläche Debrecens beträgt 46.165 Hektar, die Einwohnerzahl (2002) 207.308;
damit ist Debrecen die zweitgrößte Stadt Ungarns. Die Einwohner Debrecens
bezeichnen sich noch heute mit dem mittelalterlichen Begriff "Civis".
Geschichte: Bevor die Magyaren das Karpatenbecken eroberten, lebten
verschiedene Völker in dieser Gegend. Die Stadt kam durch die Vereinigung
mehrerer Siedlungen zustande und wurde 1235 als Debrezun zum ersten mal erwähnt.
Debrecen wird Marktstadt: 1361 verlieh König Ludwig der Große (Nagy Lajos)
den Bürgern der Stadt das Privileg einer Marktstadt (Mezőváros) mit einem
Wahlrecht für eine eigene Gerichtsbarkeit und einen Stadtrat. Dies ermöglichte
ein stetiges wirtschaftliches Wachsen der Stadt, bis sie im 16. Jahrhundert ein
Handelszentrum wurde, das mit Wien, Polen und Schlesien handelte.
Haupteinnahmequelle für das Wohlergehen der Stadt waren der Rinderhandel, die
Tierzucht und das handwerkliche Gewerbe. Trotz der florierenden wirtschaftlichen
Lage waren die Gebäude einfach gebaute Bauwerke, selbst die Straßen waren kaum
befestigt. Bis ins 19. Jahrhundert hinein konnte man kaum mehrstöckige Gebäude
innerhalb der Stadt sehen. Zwischen 1450 und 1507 war Debrecen Sitz der
Adelsfamilie Hunyadi.
1555 wurde Debrecen von osmanischen Türken erobert. Die Stadt erkaufte sich ihre
Selbständigkeit aber durch Tributzahlungen. Während der osmanischen Besatzung
kam es dennoch immer wieder zu Problemen, da sich Debrecen an der Grenze
zwischen den osmanisch, habsburgisch und siebenbürgisch besetzten Teilen Ungarns
befand. Die Bewohner nutzten ihr diplomatisches Können aus, um sowohl vom
Osmanischen Reich als auch von den europäischen katholischen Herrschern sowie
dem Fürsten von Siebenbürgen Franz II. Rákóczi Nutzen für sich zu ziehen. Diese
Offenheit der Stadt gestattete eine rasche und frühe Ansiedelung von
Protestanten und Calvinisten, weshalb Debrecen bald als das calvinistische Rom
bezeichnet wurde. Die Bewohner der Stadt waren zu dieser Zeit in der Mehrheit
Magyaren und konvertierten alsbald im 16. Jahrhundert zum calvinistischen
Glauben. Ab 1552 durften sich nur noch Calvinisten in der Stadt niederlassen,
1693 verlieh König Leopold I. der Stadt das Privilegium einer freien Stadt. 1715
kam die Katholische Kirche wieder zurück in die Stadt. Piaristen errichteten zu
dieser Zeit die St.-Anna-Kirche. Debrecen war damals ein agrarisches,
wirtschaftliches, kulturelles und geisteswissenschaftliches Zentrum. Das
Calvinistische Kollegium, der Vorgänger der heutigen Universität Debrecen, hatte
zahlreiche bekannte Studenten.
Freiheitskampf 1848 bis 1849: Im ungarischen Freiheitskampf gegen die
Habsburger 1848 bis 1849 wurde der ungarische Landtag ins sicherere Debrecen
verlegt, wo er im Reformierten Kollegium (Református Kollégium) und in der
Großen Reformierten Kirche tagte. In Debrecen verkündete Lajos Kossuth am 14.
April 1849 die Entthronung der Habsburger.
Industrielle Revolution: Nach der Zeit des Freiheitskampfes kam es durch
den Bau der Eisenbahnlinie 1857 von Pest nach Debrecen zu einem industriellen
Aufschwung. Aus jener Zeit stammt die Gründung der Schule für Bodenkultur sowie
der Agrarhochschule. Mühlen, Zucker-, Ziegel- und Tabakfabriken sowie Gaswerke
entstanden, Banken und andere Dienstleister siedelten sich in der Stadt an. 1865
wurde das heutige Csokonai-Theater (Csokonai Színház), benannt nach Mihály
Csokonai Vitéz, eröffnet. Krankenhäuser, Schulen, Kasernen und Kirchen wurden
errichtet. Langsam bekam die Stadt im Zentrum ein städtisches Bild, als das
Hotel Aranybika sowie das Komitatshaus und das Rathaus gebaut wurden. Im
Stadtwald (Nagyerdö), wo sich heute die Universität befindet, fand man 1823
Thermalwasser, welches man im neu errichteten Heilbad Vigadó verwendete. Mit der
Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert fand die Bildung durch die
Neugründung der Universität Debrecen einen Aufschwung. 1884 nahm die noch heute
bestehende Straßenbahnlinie ihren Dienst auf.
20. Jahrhundert: Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges kam es zum Aufruhr,
bedingt durch die rumänische Besatzung. Die Krise brachte die Stadt dazu, mehr
auf Tourismus zu setzen. Die Zwischenkriegszeit brachte hierbei einen Aufschwung
in dieser Richtung. Es entstand im Umfeld der Universität und der Klinik
innerhalb des Stadtwaldes (Nagyerdő = Großer Wald) ein Zentrum für Erholung,
Sport und Bildung. Die 1927 gegründete Sommeruniversität bot ein Programm für
Allgemeinbildung, Weiterbildung und Sprachbildung an, kombiniert mit Erholung
und einem Freizeit- und Sportprogramm. Es entstand ein überdachtes Schwimmbad,
Ungarns erstes Sportstadion sowie der Zentralfriedhof. Die Nähe zum Reiseziel
Puszta in Hortobágy brachte viele Besucher. 1944 war Debrecen zum zweiten Mal
für eine kurze Zeit Hauptstadt und Regierungssitz von Ungarn, als sich hier am
Ende des Zweiten Weltkrieges die provisorische Nationalversammlung
konstituierte. Im selben Jahr startete die Rote Armee eine Offensive in Richtung
Budapest, die Debrecener Operation.
Durch das Bombardement im Zweiten Weltkrieg wurden etwa 70 Prozent der Häuser in
Mitleidenschaft gezogen. Mehr als die Hälfte der Gebäude wurden zu Ruinen.
Bevölkerung: Die Bevölkerung ist evangelisch-reformiert (calvinistisch),
im Gegensatz zum Rest von Ungarn, der überwiegend katholisch geprägt ist. Die
von den Habsburgern initiierte Gegenreformation erreichte Debrecen nicht, da die
türkisch besetzten Gebiete in der großen ungarischen Tiefebene zwischen Wien und
Debrecen lagen (siehe auch Türkenkriege). Obwohl die Religion in der Zeit des
Sozialismus stark an Bedeutung verloren hat, lebt dieser Unterschied im
Selbstbild der Debrecener Bürger noch fort. |